Der Mann von den Sternen



Eine Kurzgeschichte aus der Zeit vor
Perry Rhodans Start zum Mond


US-Air-Force, Ausbildungscamp, Nevada, September 1959

Die Pilotin, Colonel Dr. Ellen White, erfahrene Kampfpilotin und gleichzeitig Chefärztin der Ausbildungsakademie, kletterte zuerst in die Kanzel und überprüfte sorgfältig ihre Instrumente und die zusätzliche Prüfungsausrüstung des Jägers.
Ein kleiner Bildschirm würde ihr jede Reaktion des hinter ihr sitzenden Mannes zeigen. Die kleine Kamera war versteckt in seiner Instrumentenkonsole angebracht.
„Alles klar, Mr. Rhodan?“
„Alles klar, Ma’am“, erklang seine Stimme klar und deutlich aus dem Empfänger des internen Bordfunks.
„Dann los. Fairerweise möchte ich Ihnen vorher noch sagen, dass es kein Spaziergang wird.“
Sie hörte das leichte Lächeln in seiner Stimme. „Damit hatte ich auch nicht gerechnet, Ma’am.“
Sie zog den Jet nach der Startbeschleunigung mit 6 g Belastung nach oben. Ihr machte es nichts aus, sie war für diese Belastungen trainiert.
Der US-Air-Force-Anwärter Perry Rhodan reagierte mit keinem Wort und keiner Reaktion.

*

„Immer noch alles im grünen Bereich, Mr. Rhodan?“
„Selbstverständlich, Ma’am.“ Seine Stimme klang etwas gequält. Eine gute Stunde waren sie inzwischen in der Luft. Sie hatte mit den wahnsinnigsten Flugmanövern versucht, seinen Kreislauf zum Zusammenbruch zu bringen und ihn selbst zum Aufgeben. Sie hatte es nicht geschafft.
Durch seinen revoltierenden Gleichgewichtssinn hatte er gewürgt, sich sogar einmal übergeben müssen, dann aber nur noch gewürgt, nachdem er alles von sich gegeben hatte. Nun musste er sich hundeübel fühlen. Trockenes Würgen war fast noch schlimmer als wirkliches Erbrechen. Er hielt sich so tapfer, dass sie ihn wirklich bewunderte. Seine Augen unter der Sauerstoffmaske waren weit aufgerissen, auf seiner Stirn perlte Schweiß – aber er gab nicht auf!
Ellen entschloss sich zu einem letzten Test. Nach der nächsten Schleife legte sie den Jet auf den Rücken und hielt ihn in dieser Stellung, so dass sie über Kopf angeschnallt in ihren Sitzen hingen. Sie war auf diese Stellung trainiert, Rhodan hatte nicht ihre Routine und außerdem ging es ihm sehr schlecht. Einmal war sie sogar kurz davor gewesen, die Belastung abzubrechen, weil sein EKG sich bedrohlichen Werten näherte.
Auf dem Bildschirm sah sie, wie er sich mit eisernem Willen gegen die drohende Ohnmacht stemmte. Das erschreckte Aufreißen seiner Augen sprach für sich. Sie drehte den Jet wieder in die normale Lage und kommandierte in eiskaltem Befehlston: „Maske herunter und ruhig durch die Nase atmen.“
Er befolgte ihren Befehl sofort, griff automatisch nach der Spucktüte. Unter erbarmungswürdigem Würgen erbrach er eine kleine Menge gelbgrüner Gallenflüssigkeit. Es wurde allerhöchste Zeit für den letzten Test und dann musste sie so schnell wie möglich landen, wenn sie seine Gesundheit nicht gefährden wollte.
„Achten Sie auf die Instrumente, Mr. Rhodan. Sie übernehmen den Jet.“
„Ma’am!“
„Befolgen Sie gefälligst meinen Befehl, Anwärter Rhodan. Ich weiß sehr genau von Ihrem Onkel, dass Sie den Jet im Notfall fliegen können. Und Ihr momentanes Befinden interessiert mich nicht. Im Einsatz können Sie sich auch nicht dahinter verstecken.“
Scheinbar hatte sie mit dem letzten Wort eine empfindliche Stelle in ihm getroffen.
Der junge Mann zuckte sichtbar zusammen und wandte seine Aufmerksamkeit den Instrumenten zu. Seine Konsole war auf Simulationsmodus eingestellt. Die Maschinen des Jets reagierten auf keines seiner Kommandos, obwohl es ihm so vorkommen musste. Eine technische Neuentwicklung der US Air Force, auf die die Techniker entsprechend stolz waren.
Aufmerksam verfolgte Ellen seine Schaltungen. Wie erwartet – er verwechselte oben mit unten und umgekehrt. Sein revoltierender Gleichgewichtssinn ließ ihn die Ebenen vertauschen. Wären seine Flugmanöver real, hätten sie den unweigerlichen Absturz bedeutet.
Überraschend schnell erkannte er seinen Fehler und reagierte entsprechend, indem er entgegen seinem Sinneseindruck steuerte.
Er ist wirklich gut, dachte Ellen anerkennend.
Dann zuckte sie zusammen.
Auf dem Radarschirm tauchte ein eindeutiger Reflex auf. Ein anderer Kampfjet, nach der Zeichnung ein Russe!
Ungläubig kniff sie ihre Augen ein paarmal zusammen. Der Reflex blieb.
Erstens sollte der Luftraum im Prüfungsgebiet komplett leer sein! – und zweitens: was macht ein Russe hier? Das gibt es doch gar nicht!
Ihre Gedanken rasten.
Aus dem Prüfungsflug war übergangslos bitterer Ernst gewesen. Und sie hatte keinen einsatzfähigen Copiloten an Bord, sondern einen Anwärter, der den Jet im Notfall gerade eben fliegen konnte und dem es mehr als dreckig ging!

*

Das schrille Klingeln ließ alle im Tower zusammenzucken. Dieser Ton wurde nur in einem ganz bestimmten Fall verwendet: Das Pentagon verlangte eine Direktverbindung.
„Nein“, flüsterte Deering tonlos. „Nicht schon wieder Krieg!“
Major Hawkins nahm entsprechend der Dienstordnung das Gespräch an. „Ja, Sir. Die Colonels Deering und Malone sind beide hier. – Selbstverständlich. Ich sorge sofort dafür. Die beiden Herren melden sich wieder bei Ihnen, Sir.“
Er schwankte, als er sich den hohen Offizieren zuwandte. „Das Pentagon wünscht Sie über die abhörsichere Leitung zu sprechen. – Wenn ich bitten darf.“
Er wies zur Tür und schritt ihnen voran hinaus auf den Flur in den abhörsicheren Raum.
Malone fühlte seine feuchten Handflächen. Er war alles andere als ein Feigling. Aber von der Entscheidung, die jetzt am grünen Tisch in Washington getroffen wurde, konnte dieses Mal nicht nur das Leben von Millionen Menschen abhängen, sondern auch das Schicksal ihres Planeten an sich. Eine geheime wissenschaftliche Studie besagte, dass die Erde als Himmelskörper einen Krieg mit Atomwaffen nicht überleben und wie eine Seifenblase zerplatzen würde. Der 3. Weltkrieg würde der erste und der letzte sein, der mit Atomwaffen ausgetragen wurde.
Plötzlich hatte er das Gefühl, sein Schädel müsse platzen, so heftig war das aufdröhnende Gelächter und die folgenden Kopfschmerzen.
Er presste die Hände an die Schläfen und stöhnte leise. Eine Stimme ertönte, die mit deutlicher Ironie zu ihm sagte: Der letzte Atomkrieg auf diesem Planeten vielleicht, wenn ihr in der nächsten Stunde Fehler macht, aber garantiert nicht der erste. Ihr kennt eure eigene Geschichte nicht!
Damit war der Spuk schon vorbei. Aufatmend senkte er seine Hände. Da er hinter den anderen ging, hatte niemand etwas bemerkt.
Er schüttelte den Kopf. Ich bin wohl schon so geschafft, dass ich Stimmen höre.

*

Der Beamte des Pentagon ließ keinen Zweifel an der brisanten Lage.
Deering und Malone, die allein in dem Raum waren, hatten das Gespräch auf den großen Lautsprecher geschaltet.
„Es geht in diesem Moment um Krieg oder Frieden, meine Herren. Ich hoffe, der Pilot, den Sie dort oben haben, gehört nicht zu den unbeherrschten Heißspornen. Die Anweisung des Präsidenten ist eindeutig. Keine Handlung, die als Aggression ausgelegt werden könnte. D.h., auf keinen Fall einen Angriff von unserer Seite, obwohl der Russe sich in unserem Luftraum befindet. Wieso er unbemerkt dorthin gelangen konnte, ist eine Frage, die die Abwehr zu beantworten hat. Mr. Mercant ist schon an der Arbeit.“
„Mein Herr“, brüllte Deering unbeherrscht. „Die Anweisung des Herrn Präsidenten kommt einem Selbstmord gleich. Wenn der Russe den ersten Schuss hat, wird er auch treffen. – Unabhängig davon kann ich Sie beruhigen. Unser Jet dort oben hat nur Übungsmunition an Bord. Es ist ein Flugeignungstest. D.h., der Pilot hat noch nicht einmal einen einsatzfähigen Copiloten. – Also sollten Sie diesen Befehl lieber den vier Abfangjägern von Edwards Base geben.“
„Die haben gerade Landebefehl erhalten. Den Sie Ihrem Piloten auch geben sollten.“
„Wenn der Russe ihn landen lässt!“
„Wieso nicht?“
Die Stimme des Beamten klang erstaunt.
Deering blickte zu seinem Freund.
„Lass es, John. Er kann es nicht verstehen.“
„Was kann ich nicht verstehen, Colonel Malone?“, fragte der Beamte pikiert.
Deering antwortete mit einer Gegenfrage: „Sind Sie jemals in einem Kampfjet geflogen, Mister?“
„Nein, Colonel Deering. Warum?“
„Dann können Sie es nicht verstehen, wie mein Kollege schon sagte. Es hat keinen Sinn, es Ihnen erklären zu wollen.“
„Sie sind informiert.“ Der Beamte war hörbar verärgert und unterbrach die Verbindung.
Beide sahen sich an und beide hatte in diesem Augenblick die gleichen Gedanken: Sehen wir die beiden lebend wieder?

*
Perry Rhodan hatte den fremden Jet gleichzeitig mit seiner Pilotin erkannt. Die Konsequenzen waren ihm in Bruchteilen von Sekunden klar. Ein russischer Kampfjet hatte, wie auch immer, die Frühwarnsysteme der USA überwunden und in den US-Luftraum eingedrungen, direkt vor ihnen.
Das war im Moment aber nebensächlich, es ging nur darum, was weiter geschah.
Nicht nur für ihn und Dr. White, sondern für die gesamte Menschheit. Die weltpolitische Lage war ihm gut genug bekannt, um sich die möglichen Konsequenzen vorstellen zu können.
Es war die prädestinierte Situation für den Krieg aus Missverständnis.
Wieder schüttelte ihn das Würgen, wieder griff er zur Tüte, aber sein Magen krampfte sich nur noch zusammen. Sein aufgewühlter Gleichgewichtssinn würde noch einige Stunden zur Beruhigung brauchen. Das harte Training der nächsten Jahre würde ihn genau wie Dr. Ellen White dagegen abhärten.
„Mr. Rhodan.“ Die Stimme der Ärztin war beherrscht. Wieder einmal bewies sie ihre Kaltblütigkeit.
„Mr. Rhodan. Ihre Prüfung ist beendet. Sie haben Ihren Flugeignungstest mit Auszeichnung bestanden. Aufgrund der besonderen Situation und meiner Sondervollmachten ernenne ich Sie mit sofortiger Wirkung zum Kadetten der US Air Force. Vorher habe ich Sie pflichtgemäß noch einmal darauf hinzuweisen, dass die Ausbildung, die auf Sie wartet, ihnen wirklich alles abverlangen wird und dass sie in Übungssituationen kommen werden, in denen Sie sich lieber den Tod wünschen. Sind Sie dazu bereit, alles auf sich zu nehmen und für ihr Vaterland Ihr Leben einzusetzen und … für die Menschen.“
Rhodan hörte deutlich ihr kurzes Zögern. Seitdem er wusste, wer sie war, wusste er genau, was die damit meinte.
„Ja, Ma’am.“
„Dann sprechen Sie mir die Eidesformel nach.“
Es ging ganz schnell, der Situation angemessen.
„Ihre Kadettenstreifen bekommen Sie, sobald wir gelandet sind.“
Trotz der Situation empfand Rhodan Stolz. Er hatte sein erstes Ziel erreicht, er war Kadett der Air Force!
Dr. White ließ ihm keine Zeit, seinen Stolz zu genießen.
„Für Versteckspiele irgendwelcher Art ist die Situation zu gefährlich. Ich weiß, dass Sie den Jet im Notfall alleine fliegen können. Hoffen wir, dass es nicht so weit kommt. Aber ich werde trotzdem Ihre Hilfe brauchen und erwarte absolute Ehrlichkeit von Ihnen. Wie geht es Ihnen?“
Einen ganz kurzen Augenblick meldete sich Rhodans männlicher Stolz. Er unterdrückte ihn sofort wieder. Seine Vernunft siegte.
„Sehr schlecht, Ma’am. Aber ich traue mir zu, meinen Aufgaben gerecht zu werden. Verfügen Sie über mich, Ma’am.“
Deutlich hörte er das zufriedene und anerkennende Lächeln in ihrer Stimme.
„Sie haben sich ab sofort als mein Copilot zu betrachten, Kadett Rhodan.“

*

Ellen traf ihre Entscheidung blitzschnell, obwohl sie in einem schweren Gewissenskonflikt war. Ihr Eid als Ärztin erlaubte diese Entscheidung nicht, ihre Pflicht als Colonel der US Air Force verlangte sie von ihr, genauso wie ihre Verantwortung der gesamten Menschheit gegenüber. Hier konnte es in ein paar Minuten um die Entscheidung zwischen Frieden oder Krieg gehen.
Noch einmal überprüfte sie, um ihr eigenes Gewissen zu beruhigen, die Werte der EKG-Aufzeichnungen. Die Elektroden trug Rhodan auf der Brust unter seiner Flugkombination. Es ging ihm hundeübel, darüber machte sie sich keinerlei Illusionen, aber seine Kreislaufwerte waren stabil.
„Mr. Rhodan, in diesem Zustand sind Sir mir nicht die Hilfe, die ich brauche. Rechts an Ihrem Sitz, wenn Sie mit der Hand gerade nach unten fassen, fühlen Sie ein kleines Fach. Öffnen Sie es. Darin ist eine farblose Kapsel, ein Notfallmedikament. Es putscht Ihren Körper für maximal zwei Stunden auf. Sie werden in diesem Zeitraum weder körperliche noch psychische Beschwerden spüren. Danach kommt unweigerlich ein Kreislaufzusammenbruch, da der Körper sich gegen die aufgezwungene Höchstleistung wehrt. Entsprechend der Dienstvorschriften erteile ich Ihnen aufgrund der Notlage die Anweisung, dieses Medikament sofort zu sich zu nehmen.“
„Ja, Sir.“
Er zögerte keine Sekunde. Sie beobachtete ihn auf ihrem kleinen Kontrollmonitor. Sein Gesicht war wieder zu der ausdruckslosen Maske geworden, die als persönliche Besonderheit in seiner Akte vermerkt war.
Nach allem, was er bereits bei diesem Flug hinter sich hatte, akzeptierte er die Gewissheit, in zwei Stunden mit einem Kreislaufzusammenbruch sehr wahrscheinlich auf der Intensivstation zu liegen, mit bewundernswerter Selbstverständlichkeit.
„Zerbeißen Sie die Kapsel zwischen den Zähnen. Vorsicht, die Flüssigkeit schmeckt extrem bitter. Sie dürfen Sie auf keinen Fall wieder erbrechen, beherrschen Sie sich also.“
Sie sah, wie er die Kapsel in den Mund steckte und die Zähne zusammenbiss.

*
Rhodan zerbiss die Kapsel und wähnte sich übergangslos in der nächsten Hölle. Er brauchte wirklich all seine Beherrschung, um den Brechreiz zu unterdrücken.
Dann war alles vorbei, er fühlte sich so fit, als ob gar nichts gewesen wäre.
„Alles in Ordnung, Ma’am. Ich bin wieder okay.“
Ein Bildschirm leuchtete vor ihm auf, der bisher durch keine Schaltung zu aktivieren gewesen war. Er zeigte die Ärztin vor ihm. Da sie noch immer ihre Sauerstoffmaske trug, konnte er nur ihre Augen sehen. Die sprachen Bände. Eiskalt, beherrscht, so hatte er die Augen einer Frau noch nie bewusst wahrgenommen.
„Ich kann Sie ebenfalls sehen, Kadett Rhodan, schon die ganze Zeit. Das erleichtert uns die Kommunikation.“
Natürlich. Sie hat jede Reaktion von mir verfolgt und in der Prüfungskladde eingetragen.
Er setzte seine Sauerstoffmaske ebenfalls wieder auf. Besser, sie waren für alles gerüstet.
Die Stimme von Colonel Deering drang aus dem Empfänger des Außenfunks.
„Colonel White, wie verhält der Russe sich?“
„Bis jetzt verfolgt er uns nur, Sir. Ihre Anweisungen?“
„Er darf Sie auf keinen Fall abschießen, Colonel. Versuchen Sie zu landen.“
Sie antwortete nur mit einem zynischen Lachen. Jeder wusste, wovon sie hier sprachen.
Rhodan holte ganz tief Luft. Ihm wurde der geniale Schachzug des Gegners ganz klar. Ein von einem Russen über dem eigenen Hoheitsgebiet abgeschossener amerikanischer Jäger bedeutete in jedem Fall den nächsten Krieg – und das Ende aller Träume vom Weltraum. Umgekehrt …
Deering fuhr fort, er schien den gleichen Gedanken wie er zu haben: „Umgekehrt Sie ihn auch nicht. Die Russen haben gerade die UN darüber informiert, dass einer ihrer Jets sich durch einen bedauerlichen technischen Defekt in unseren Luftraum verirrt hätte. Sie bitten um unsere Unterstützung und Landeerlaubnis auf der nächsten Air Force-Base.“
„Die wir Ihnen natürlich sofort geben. Sicherlich hat eine hochwertige Spionageausrüstung an Bord.“
„Davon ist auszugehen“, bestätigte Deering. Also versuchen Sie, runterzukommen, egal wie. Zur Not machen wir einen zivilen Flughafen für Sie frei.“
„Sir, ich möchte nicht unhöflich sein, aber Sie haben eine seltsame Art von Humor.“
„Wahrscheinlich war ich schon zu lange nicht mehr selbst in der Luft“, räumte Deering ein.
*

Perry Rhodan schloss mit seinem Leben ab. Der russische Pilot war einfach zu gut, scheinbar eines der ganz wenigen Naturtalente, der hier von seiner Regierung für ein Pokerspiel der besonderen Art geopfert wurde.
Es war nur eine Frage der Zeit, bis er das Feuer auf sie eröffnete. Dass ein Pilot, der aus Missverständnis einen amerikanischen Jet abschoss und damit einen Krieg auslöste, in seiner Heimat wohl nicht als Held gefeiert werde würde, lag klar auf der Hand.
Ellen White flog hervorragend.
„Ma‘am“, sagte er zu ihr. „Darf ich Ihnen etwas sagen?“
„Nur zu.“
„Sie fliegen hervorragend. Ich muss wohl meine Vorurteile Frauen gegenüber als Kampfpiloten revidieren.“
Sie lachte leise. „Oh, endlich kommen Sie zu dieser Ansicht, Mr. Rhodan. Kompliment. Ich dachte schon, Sie begreifen es überhaupt nicht.“
Sie zog den Jet so schnell nach oben und in eine Kurve, dass ihm trotz des Medikamentes schon wieder übel und schwindlig wurde. Ihm war sofort klar, was das bedeutete: die Wirkung ließ viel früher nach als gedacht. Er informierte die Ärztin darüber.
„Mist“, sagte sie geradeheraus. „Wissen Sie, Kadett Rhodan, das Medikament ist gerade erst in der Erprobungsphase.“
„Na toll“, kommentierte er das nur. Da war er auch noch ein menschliches Versuchskaninchen! Es wurde immer verrückter. Wenn der Hintergrund nicht so ernst wäre, hätte er fast darüber lachen mögen. Das war etwas für seinen trockenen Humor, den schon seine Schulkameraden schätzten und zugleich fürchteten.
Der Russe schnitt ihnen immer wieder den Weg ab, eine Landung war aussichtslos. Sie mussten das Spiel treiben, bis ihnen der Sprit ausging und sie deshalb abstürzten, oder …
Sein Traum von den Sternen würde hier oben enden, noch nicht einmal im Weltraum, sondern in der Atmosphäre seines Heimatplaneten.
Plötzlich sah er wieder diese merkwürdige Maschinenstadt vor sich. Zum ersten Mal nicht in seinen Träumen, sondern am Tag!

*

Das brüllende Gelächter sprengte ihm gefühlt den Schädel. Die Schmerzen raubten ihm jede Beherrschung.
„Nicht jetzt, verdammt“, brüllte er.
Colonel White beschwichtigte ihn sofort. „Ganz ruhig, Kadett Rhodan.“
„Nein, ich drehe nicht durch, Ma‘am“, presste er wütend heraus. Wütend auf das Gelächter und auf sich selbst und seine mangelnde Beherrschung.
Die verhasste Stimme kam klar und deutlich durch, sogar das Gelächter verstummte.
Weicht dorthin aus, wohin er euch nicht folgen wird. Dazu hat er nicht den Mut. Glaube mir. Geht in die Stratosphäre – und du, mein Freund, wirst den ersten Blick in den Weltraum werfen …
Obwohl er innerlich vor Aufregung zitterte, überprüfte er die Anzeigen für den Sprit und den Sauerstoffvorrat. Es könnte gehen …
„Ma‘am“, schrie er in die Bordverständigung. „Weichen Sie nach oben aus, in die Stratosphäre.“
„Sind Sie wahnsinnig! Das bedeutet unseren sicheren Tod. Der Jet ist dafür nicht ausgelegt.“
„Der erwartet uns hier auf jeden Fall, Ma‘am. Es ist eine kleine Chance, aber immerhin überhaupt eine.“
„Nein“, beharrte sie auf ihrer Meinung.
Der Anblick des Not-Katastrophenschalters zog ihn magisch an. Hoffentlich hatte man ihn nicht aus Sicherheitsgründen deaktiviert. Ein Fluganwärter, der die Nerven verlor, eigentlich konnte man das nicht riskieren.
Doch, man hatte es riskiert! Als er mit der rechten Hand auf den Schalter schlug, rastete der sofort ein. Damit hatte er sämtliche Instrumente für den Piloten lahmgelegt. Nun musste er die Maschine übernehmen. Sie reagierte sofort auf seine manuelle Steuerung.
Die Einrichtung sollte es dem Copiloten beim Ausfall des Piloten ermöglichen, den Jet zumindest heil zu landen.
Gleichzeitig erhöhte er die Sauerstoffzufuhr für ihre Masken. Beruhigt fühlte er den frischen Luftstrom.
„Rhodan“, schrie die Pilotin, die zur Untätigkeit verurteilt war. „Das kostet Sie Ihre Karriere, das ist Befehlsverweigerung. Ich bringe Sie vors Militärgericht, bevor Ihre Karriere überhaupt begonnen hat.“
Sie holte tief Luft. Er hörte deutlich, wie sie sich zur Ruhe zwang.
„Wenn Sie die blockierte Katastrophenschaltung sofort wieder aktivieren, werde ich die Angelegenheit ihrem momentanen psychischen Zustand zuschreiben und sie bleibt unter uns. Ich werde keine Eintragung in Ihrer Akte machen. – Verdammt, Mann, ruinieren Sie sich nicht selbst Ihre Karriere. Denken Sie an Ihren Traum von den Sternen.“
„Ganz genau daran denke ich, Colonel White.“
Er hustete trocken. Sein Kehlkopf, der ohnehin durch das vorhergehende trockene Würgen gereizt war, schien in seinem Hals zu einem riesigen Klumpen anzuwachsen. Der drückte auf den neuralgischen Punkt in seinem Rachen.
Nicht jetzt, bloß nicht jetzt!
Mit äußerster Willensanstrengung unterdrückte er den Brechreizt. Er konnte die Maske jetzt nicht mehr abnehmen. Jeder kleinste Druckverlust in der Kanzel bei dieser Höhe würde ihren sofortigen Tod bedeuten – genauso wie ein Erbrechen unter der Maske. Er würde so oder so ersticken.
Entsetzt erkannte er, dass die Wirkung des Medikamentes viel früher aussetzte, als sie gedacht hatten.

*

Ellen White kochte vor Wut. Wider besseren Wissens hieb sie auf den Schalter in ihrem Armaturenbrett, um die Katastrophenschaltung rückgängig zu machen.
Sie konnte nichts dagegen unternehmen, dass Perry Rhodan den Jet ganz langsam immer weiter nach oben zog, in Richtung der Stratosphäre.
„Rhodan“, machte sie einen letzten Versuch, „wenn Sie schlappmachen, stürzen wir sofort ab, weil ich nichts tun kann, um das zu verhindern.  Sie haben mich komplett lahmgelegt.“
Dröhnendes Gelächter schien ihren Schädel sprengen zu wollen. Unwillkürlich presste sie die Hände an die Schläfen. Ihr Atem ging keuchend.
Auf dem Bildschirm sah sie, wie Rhodan die Augen aufriss. In ihnen las sie ungläubiges Erstaunen, Entsetzen und eine Art von Nichtverstehen, die sie nicht einordnen konnte.
Lass ihn, Ellen White. Er tut das Richtige. Nur so habt ihr die Chance, heil wieder zu landen. Von euch hängt jetzt alles ab, nicht nur euer eigenes Schicksal. Wäge gut ab, was du tust!
Dann war der Spuk schon wieder vorbei.
Sie schüttelte unwillig den Kopf. Revoltierte nun auch schon bei ihr das Unterbewusstsein? Bisher war sie damit immer sehr gut klargekommen.
Merkwürdigerweise empfand sie nach dieser geheimnisvollen „Nachricht aus ihrem Unterbewusstsein“ Vertrauen in das, was der junge Anwärter gerade tat. Es war tatsächlich ihre einzige Chance auf ein Überleben und das Verhindern eines Krieges.
Das gab den Ausschlag.
„Rhodan“, sagte sie sehr ruhig. „Heben Sie die Katastrophenschaltung auf. Ich bin einverstanden. Sie haben Recht, es ist wirklich unsere einzige Chance.

*

Du hast dich auch bei ihr gemeldet, warum?
Rhodan hatte die typische Geste sofort erkannt, mit der Ellen White ihre Hände an die Schläfen gedrückt hatte.
Weil ich es für erforderlich gehalten habe.
Mit dem üblichen lauten Gelächter zog der oder das Unbekannte sich zurück.
Bewusst ruhig atmete er den reinen Sauerstoff ein und zwang sich zur Ruhe.
Nach einem kurzen Zögern deaktivierte er die Notschaltung wieder. Damit hatte er und die Pilotin wieder gleichermaßen Zugriff auf die Steuerung des Jägers.
„Danke“, sagte Dr. White einfach. „Sie fliegen weiter. Ich verlasse mich darauf, dass Sie mir sofort sagen, wenn es nicht mehr geht.“
Ihm war klar, dass der Unbekannte für ihren Sinneswandel verantwortlich zeichnete – und freute sich über das Vertrauen, das sie ihm mit dem Weiterfliegen entgegenbrachte.
„Und das Militärgericht, Ma‘am?“, fragte er vorsichtig nach.
Sie stöhnte genervt auf. „Hat hier jemand etwas von Militärgericht gesagt? Ich kann mich nicht daran erinnern. Ist es möglich, dass Sie Halluzinationen hatten?“
Trotz der immer noch mehr als prekären Situation lachte er befreit auf.
„Gut möglich, Ma‘am. Natürlich haben Sie nichts davon gesagt. – Danke, Mrs. White.“
„Halten Sie endlich Ihren Mund und konzentrieren Sie sich aufs Fliegen, Kadett! – Ach ja, ehe ich es vergesse: Sie haben Ihre Prüfung natürlich bestanden!“
„Danke, Ma’am.“ So unwichtig das in ihrer jetzigen Situation war, er freute sich darüber wie ein kleiner Junge …

*

Perry Rhodan genoss den Anblick mit allen Sinnen, genauso wie die Tatsache, dass immer noch er den Jet flog.
Den Gedanken an den Russen, dem sie hier vorübergehend entkommen waren, verdrängte er. Falls er gleich noch auf sie wartete und sie abschoss, wollte er jedenfalls diesen phantastischen Eindruck mitnehmen.
Die reine Sauerstoffzufuhr aus der Maske tat ihm gut. Die Worte von Captain Henderson tauchten wieder in seiner Erinnerung auf: „Langsam und ruhig atmen. Auf keinen Fall hektisch werden. Dann bekommst du zu viel Sauerstoff und gerätst in eine euphorische Stimmung, die dich dort oben genauso schnell umbringt wie Sauerstoffmangel.“
Eine ganz eigene Stimmung schien den Jäger zu umgeben. In der Dunkelheit schimmerten die Sterne. Sie schienen nach ihm zu rufen, er spürte es ganz deutlich.
Das Schrillen des Alarms riss ihn aus der schönen Stimmung. Die Automatik des Jets gab Höhenalarm. Höher konnten sie ohne Gefahr für das Material nicht mehr gehen. Ein Riss in der Kanzel wäre für sie, trotz der Sauerstoffmasken, in dieser Höhe der sichere Tod.
Infolgedessen hielt er den Jet von nun an ganz ruhig auf der Flughöhe. Das rote Licht im Instrumentenbrett leuchtete weiterhin zusammen mit der heftig blinkenden Höhenanzeige, aber der akustische Alarm verstummte.
„Fantastisch“, sagte Ellen White leise und ergriffen. Es hörte sich an wie ein kleines Mädchen, das zum ersten Mal vor dem Glanz eines Weihnachtsbaums stand.
Du wirst noch mehr davon sehen, mein Freund.
Dieses Mal hörte Rhodan nur die Stimme, kein Gelächter.
Rhodan wurde wütend, dass die Stimme ihn bei diesem unbeschreiblichen Anblick störte. Falls es seine letzten Lebensminuten waren, wollte er jeden Sinneseindruck mit allen Fasern in sich aufnehmen.
Wer sagt denn, dass dieses deine letzten Minuten sind, mein Freund. Du wirst davon noch viel mehr sehen. Das ist erst der Anfang.
Ich bin nicht dein Freund, wann begreifst du das endlich?
Nie, weil ich dein Freund bin und dir ein Geschenk machen werde.
Verdammt, ich will dein Geschenk nicht. Lass mich einfach nur in Ruhe.
Wer oder was war dieser Unbekannte oder dieses Unbekannte nur?
WAS ist schon einmal nicht verkehrt …
Er stöhnte, die körperlichen Beschwerden wurden wieder stärker. Der Schweiß brach ihm aus, ihm war übel und schwindlig. Vor seinen Augen flimmerte es.

*

Der schrille Voralarm für den Tank unterbrach die unbeschreiblichen Anblick.
„Wir müssen wieder runter, Mr. Rhodan“, meldete Ellen sich. „Drücken Sie die Daumen, dass der Russe inzwischen aufgegeben hat.“
Ellens Stimme war deutlich anzuhören, dass sie sich nur mühsam von den fantastischen Sinneseindrücken der Stratosphäre losriss.

*

Ellen White und Perry Rhodan erkannten den russischen Jet sofort auf dem Radarschirm.
Ich gleichen Moment, als er Kurs auf sie nahm, tauchte ein riesiger Schatten am Nachthimmel auf, ein diffuser rötlicher Körper, dessen Umrisse er nicht genauer bestimmen konnte.
Er schwebte direkt neben ihnen am dunklen Himmel, kaum noch optisch wahrnehmbar. Die Instrumente registrierten ihn überhaupt nicht.
Dann ging alles sehr schnell. Ein flackerndes, hellgrün leuchtendes Licht schoss aus dem Flugkörper heraus. Es gab kein Geräusch, keine Detonation, keine herumfliegenden Trümmerteile – gar nichts mehr. Der russische Kampfjet verschwand von ihrem Radar, als ob es ihn niemals gegeben hätte.
Der gepresste Atem von Ellen White verriet ihm, dass sie noch mehr mit ihren Nerven kämpfte als er.
„Was, verdammt, war das?“, stammelte sie mit bebender Stimme.

*

„Das war ein russischer Kampfjet, Colonel White“, erklang eine ruhige, charismatische Stimme aus dem Funkempfänger. Rhodans Atem stockte, sein Herz raste wie wild.
Die Ärztin reagierte nicht auf den Warnton ihres EKG-Monitors, zu sehr war sie von den Geschehnissen gelähmt.
Die Stimme sprach ein völlig akzentfreies Englisch. Vor dem Pilotensitz von Dr. White bildete sich eine kugelförmige Leuchterscheinung. Das Bild eines ungefähr 40-jährigen Mannes erschien. Er hatte samtbraune Haut, eine wohl schon sehr alte Narbe von einer Hiebwaffe auf der rechten Wange und seine halblangen weißen Haare hingen bis auf den Kragen seiner Flugkombination. Rhodan holte tief Luft, so viel Widersprüchliches lag in dieser Erscheinung. Das Haar eines alten Mannes, aber sehr gepflegt, dicht und gesund – und die Haut wirkte wie die eines Jünglings, so rein und sauber war sie.
Ein leichtes Flimmern umgab seinen gesamten Körper.
„Ich bin leider zu spät gekommen“, erklärte er, „aber zum Glück noch rechtzeitig. Der russische Kampfjet ist keine Gefahr mehr für Sie oder den Weltfrieden. Hätte ich früher eingreifen können, wäre es gar nicht erst zu dieser Situation gekommen.“
Der Unbekannte machte eine kurze Pause. Dann fuhr er fort, ein wenig zögernd, wie Rhodan schien, was überhaupt nicht zu seinem sonstigen sicheren Auftreten passte.
„Ich hätte niemals zugelassen, dass ein russischer Jet in den amerikanischen Luftraum einfliegt, nicht bei der angespannten politischen Lage, wo ein Funke das Pulverfass zur Explosion bringen kann. So haben Sie leider etwas gesehen, das sie nicht verstehen können. Nur deshalb habe ich Sie angefunkt.“
Wieder machte er eine Pause. Seine Augen nahmen einen stahlharten Ausdruck an, bei dem Rhodan fröstelte.
„Ich darf Ihnen versichern, dass es nicht in meinem Interesse liegt, wenn auf allen Kontinenten die Atomraketen starten und diesen Planeten in Stücke reißen oder zumindest auf Jahrhunderte in eine radioaktive Hölle verwandeln. Ich hoffe, dass Ihre Regierungen endlich vernünftig werden. Immer kann ich nicht rechtzeitig zur Stelle sein.“
Plötzlich wirkte er resigniert.
„Colonel White, machen Sie sich keine Sorgen. Ihre Basis kann unser Gespräch nicht abhören. Dafür habe ich gesorgt. Warum ich mich Ihnen zeigte, hat einen ganz einfachen Grund. Wenn nicht, müsste ich damit rechnen, dass Sie über das, was Sie nicht verstehen können, spekulieren und Ihre vorgesetzte Dienststelle unterrichten. So kann ich Ihnen den Rat geben: lassen Sie es! Sie ersparen sich die Gefahr, für verrückt oder zumindest überdreht gehalten zu werden und ich …“
Colonel White unterbrach ihn: „Sir, Sie brauchen nicht weiterzusprechen. Ich verstehe Sie auch so. Außerdem werde ich niemals einem Freund der gesamten Menschheit – und das scheinen Sie zu sein – Schwierigkeiten bereiten. Wir sind aus der Stratosphäre wieder nach unten vorgestoßen, wohin wir vor dem russischen Jet geflohen waren – und der hatte inzwischen aufgeben und abgedreht. Wahrscheinlich genau wie wir Spritmangel.“
Der Fremde lächelte leise und bestätigend. „Danke, Colonel. Leider gibt es nicht viele Menschen Ihrer Art.“
„Darf ich Sie etwas fragen, Sir?“
Der Mann nickte bestätigend.
„Sind Sie überhaupt auf der Erde geboren oder kommen Sie aus dem Weltraum?“
Das war für Rhodan das Stichwort. Dr. Ellen White hatte den gleichen Gedanken, über den er seit dem Verschwinden des russischen Jets nachdachte. Diese Waffe konnte nicht auf der Erde hergestellt worden sein.
Obwohl er damit gegen jedes militärische Reglement verstieß, wollte er Gewissheit und mischte sich in das Gespräch: „Sind Sie ein Alien, Sir?“
Der Fremde verzog unwillig das Gesicht. Die dreidimensionale Abbildung schwebte näher zu Rhodan heran. Wahrscheinlich sah der Fremde ihn auf seinem Empfangsgerät genauso wie er und Ellen ihn.
Für Sekunden, die Rhodan unendlich lang vorkamen, musterte der Mann ihn. Leichter Unmut huschte über sein Gesicht.
„Junger Mann, wissen Sie überhaupt, was ein Alien ist?“
Rhodan wurde wütend. Wie kam dieser Mann dazu, ihn in dieser Art anzusprechen?
„Natürlich, Sir.“
Sein Gegenüber schüttelte den Kopf. „Das glaube ich Ihnen nicht. Ich darf Ihnen versichern, dass ich nicht das bin, was Sie und Ihresgleichen unter einem Alien verstehen.“ 
Der Fremde war deutlich sichtbar wütend und beherrschte sich nur mühevoll. Rhodan überlegte, womit er ihn so beleidigt haben konnte. Mit dem Begriff Alien? In diesem Moment wurde dem jungen Piloten etwas bewusst. Der Begriff Alien war grundsätzlich negativ belegt, viel auch durch diverse Filme, in denen diese Aliens als böse und Vernichter der Erde dargestellt wurden. Und dieser Mann, wer auch immer er sein mochte, hatte durch die Vernichtung des russischem Kampfjets möglicherweise gerade den Untergang des Planeten Erde verhindert. 
Rhodan erkannte, dass er einen schweren Fehler gemacht hatte.
Ruckartig drehte der Fremde sich zur Seite, ehe Rhodan etwas sagen konnte. Dabei sah er im offenen Kragen seiner Flugkombination einen silbernen Anhänger. Flüchtig erinnerte er ihn an die Form eines springenden Jaguars. Eine wunderschöne Silberschmiedearbeit, sofern er das auf die Schnelle richtig erkannte.
Das Bild schwebte wieder nach vorne.
„Colonel White, ich weiß genau, wer Sie sind. Denken Sie nicht darüber nach, wieso. Nehmen Sie es einfach als Tatsache. Lassen Sie sich bitte nie von Ihrem Weg abbringen. Ich wünsche Ihnen viel Glück. Vielleicht sehen wir uns eines Tages wieder. Bei diesen unruhigen Zeiten ist nichts unmöglich. Es würde mich wirklich freuen.“
Er verbeugte sich in der Art eines charmanten Kavaliers, der mit einer Dame zum Essen ausgehen möchte.

*

Das dreidimensionale Bild schwebte noch einmal zu Perry Rhodan.
„Wie heißen Sie eigentlich, junger Mann?“
Perry Rhodan. Kadett der US-Air-Force. Und - Sir - ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen. Ich habe ein vorschnelles Urteil gefällt."
Wieder musterte der Fremde Rhodan mit seinen merkwürdigen rotgoldenen Augen. Ein nachdenklicher Ausdruck breitete sich über sein Gesicht aus. Dann nickte er. Ich nehme Ihre Entschuldigung an, Kadett Rhodan."
 „Sir, Sie haben sich nicht vorgestellt ..."
Wieder nahmen die rotgoldenen Augen einen stahlharten Ausdruck an, wieder fröstelte Rhodan. Eine Kälte lag in ihnen, die ihm Unbehagen bereitete. Dieser Mann zögerte nicht lange, das hatte er gerade bewiesen. Schließlich hatte er ohne Zögern einen Kampfjet und zwei Mann Besatzung vernichtet – und damit wohl erst einmal den Weltfrieden gerettet, musste er sich eingestehen.
„Ich werde mich auch nicht vorstellen. Jedenfalls nicht jetzt. Vielleicht sehen wir uns eines Tages wieder. Dann stelle ich mich Ihnen gerne vor. Aber nur dann. Trotzdem sollten Sie immer daran denken: Diese Begegnung hat niemals stattgefunden, Perry Rhodan. Sie tun sich damit nur selbst einen Gefallen.“
Er drehte sich wieder heftig um. Dabei funkelte der silberne Anhänger in seinem Kragen. Wirklich ein stilisierter Jaguar.
Der Unbekannte sagte noch etwas in einer fremden Sprache, die Rhodan noch nie gehört hatte. Es hörte sich an wie ein Fluch.
Rhodan brach der Schweiß aus, ein mächtiger Schwindel schien ihn in die Tiefe reißen zu wollen. Gleichzeitig mit dem Schrillen des medizinischen Überwachungsmonitors wurde die Übelkeit so übermächtig, dass sie ihn überschwemmte und in die Ohnmacht riss.

*

Jahre später, kurze Zeit nach seinem schweren Flugunfall in Ramstein, s. die Kurzgeschichte Der Risikopilot, begegnete Perry Rhodan dem geheimnisvollen Fremden zum zweiten Mal in seinem Leben.


Mai 1968, Paris, Frankreich
„Und was wollen wir mit ihm machen?“, fragte einer der Studententruppe.
„Verprügeln, was sonst?“ Der Anführer lachte, ihm machte das Abenteuer inzwischen richtig Spaß. „Aber keine Waffen, ich will keine Verletzten!“
Eine ganze Horde Studenten rannte johlend auf das Präfektenauto zu und zerrte sowohl den Präfekten selbst, als auch dessen Fahrer aus dem Fahrzeug. Der Anführer fuhr herum, als sich ein Tumult hinter der Studentengruppe bildete.
„Verdammt“, fluchte er laut. Er hatte diesen Reporter ganz vergessen!
Der führte nun eine Gruppe von sechs schwer bewaffneten Polizisten heran, die sich gegen die Studenten stellten, die allerdings den Präfekten schon in ihren Händen hatten.
Der Anführer gab eine neue Anweisung. Einige andere Studenten griffen den Reporter an, der sich mit einer unbekannten Nahkampftechnik gegen sie wehrte, aber dann doch von der Menge überwältigt und von vier starken Studenten festgehalten wurde.
Dann standen sie sich endlich direkt gegenüber: auf der einen Seite der hochgewachsene Anführer der Studenten mit dem maskenhaft starren, hageren Gesicht, den unordentlich ins Gesicht hängenden blonden Haaren und den eisgrauen Augen.
Auf der anderen Seite der Reporter: ebenfalls hochgewachsenen, sogar noch um ein paar Zentimeter größer als der Student, weißblonde Haare, die bis in den Nacken reichten, Augen mit einem leicht rötlich-goldenen Schimmer.
Aus seinem wegen der Hitze offenen Hemdkragen war eine Kette mit einem silbernen Anhänger herausgerutscht. Er hatte die Form eines Jaguars. Der Anführer zuckte zusammen. Er erinnerte sich an dieses Schmuckstück, obwohl er es erst einmal in seinem Leben gesehen hatte – und das auch nur ganz kurz.
Beide Männer maßen sich mit Blicken. „Halten Sie sich da raus. Das ist unsere Sache“, meinte der Anführer ruhig.
Der Reporter lachte nur spöttisch. Merkwürdigerweise fühlte der Anführer sich dadurch nicht angegriffen oder beleidigt. Es verlieh dem Unbekannten im Gegenteil ein angenehmes Charisma.
Von der Seite näherte sich eine Reihe kampfbereiter Polizisten, ehe die Studenten ihr Vorhaben verwirklichen und den Präfekten verprügeln konnten.
„Zurück“, wies der Anführer die Studenten an. „Es hat einen Sinn. Gegen die können wir uns nicht wehren.“
Noch einmal musterte er den Reporter, der ihm merkwürdig sympathisch war, drehte sich um und zusammen mit ihm traten die Studenten den Rückzug an, ließen den Präfekten und den Reporter frei.
Außer Atem kamen sie wieder in dem kleinen Straßencafé an, von dem aus sie ihr Abenteuer gestartet hatten. Der Wirt, der sie kannte und auf ihrer Seite stand, winkte ihnen schon. Sie bezahlten schnell, dann führte der Wirt die Studenten über eine Hintertreppe aus dem Gebäude.
Der Reporter war auch schon wieder da und setzte sich zu seiner Gefährtin. Sie hatten nicht mehr auf ihn geachtet.
Kurz trafen sich ihre Blicke noch einmal. Keiner der beiden senkte die Augen. Der Anführer der Studenten erinnerte sich an ihre kurze Begegnung vor Jahren – sehr weit über der Erde.
Die anderen Studenten waren schon an ihnen vorbei. Der Wirt stieß den Anführer unsanft an. „Schnell!“
Trotz aller Vorsicht war ihre Flucht entdeckt worden. Hinter dem Haus, am Ende der Treppe, wartete schon eine Polizeitruppe.
Der hagere Anführer erkannte sofort, dass es keinen Sinn hatte, sich zu wehren. Die Polizisten waren in der Überzahl und zudem mit Schutzschilden und Schlagstöcken ausgerüstet.
Er gab seinen Studenten einen Wink und hob selbst die Arme, um zu zeigen, dass er sich nicht wehren wollte. „Wir geben auf, Messieurs“, sagte er ruhig.
Die Polizisten kreisten die Studenten ein. Niemand sagte ein Wort, bis sich der Kreis öffnete und der Präfekt hindurchtrat. Er erkannte sofort den Anführer und ging auf ihn zu. Direkt vor ihm, so dicht, dass sich fast ihre Nasen berührten, blieb er stehen.
Der Anführer wich keinen Millimeter zurück, musterte sein Gegenüber, einen breitschultrigen, kompakten Mann, ruhig. Die grauen Augen musterten den Mann eiskalt, das Gesicht völlig unbewegt.
„Was wollten Sie mit dieser Aktion bezwecken, Monsieur?“, fragte der Präfekt. Seine Augen lauerten auf die Antwort.
„Wir haben etwas gegen Tränengas und Wasserwerfer als Antwort auf eine friedliche Demonstration“, antwortete der Studentenführer einfach. Mehr nicht. Er wich auch jetzt keinen Schritt vor dem Präfekten zurück.
Der kniff die Augen zusammen. Natürlich war ihm der amerikanische Akzent aufgefallen.
„Sie sind Amerikaner?“
„Ja, Monsieur.“
„Ihren Pass, sofort!“
Ohne Zögern, mit ruhigen, beherrschten Bewegungen, zog der Anführer seinen Ausweis aus der Tasche und übergab ihn mit einem kleinen, ironischen Lächeln dem Präfekten. Es war ein Militärausweis.
Dessen Augen weiteten sich ungläubig. Dann las er langsam und deutlich vor: „US Air Force, Major Perry Rhodan! – Sind Sie sich darüber klar, Major, dass ich Ihre Militärpolizei einschalten muss?“
„Selbstverständlich.“
Der Präfekt wirkte irritiert durch die Ruhe, die Perry Rhodan immer noch ausstrahlte.
„Warum um alles in der Welt, haben Sie sich hier dran nicht nur beteiligt, sondern die Studenten sogar angeführt? Das wird Ihnen eine gehörige Disziplinarstrafe einbringen.“
Rhodan nickte sehr ruhig. „Die Gründe sagte ich Ihnen bereits, Monsieur. Das Risiko bin ich bewusst eingegangen, weil die Sache es mir wert war.“
„Abführen“, brüllte der Präfekt.
Warum ist dieser Mann bei uns?, fragte sich Perry Rhodan. Er war sich sicher, dass der unbekannte Reporter von den Sternen kam …



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Das Copyright für die PERRY RHODAN-Serie liegt

beim Pabel-Moewig Verlag, Rastatt.


Mit freundlicher Genehmigung.

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