Der Risikopilot


Über Perry Rhodans Kindheit und Jugend ist wenig bekannt. Bisher gibt es dazu nur die Bände Nr. 1000 (Der Terraner von William Voltz), Nr. 1177 (Der Junge von Case Mountain) und Nr. 1178 (Die vierte Weisheit), beide von Kurt Mahr. W. Voltz beschreibt, wie die Superintelligenz ES den neunjährigen Perry Rhodan in die Maschinenstadt nach Wanderer holt und ihm von diesem Besuch seine unstillbare Sehnsucht nach den Sternen mitgibt.
Kurt Mahr spannt den Bogen weiter, indem er den Leser ein prägendes Jugenderlebnis des inzwischen Zwölfjährigen erzählt und, wie Perry Rhodan sich immer wieder an diese erste Begegnung mit ES erinnert – und nicht nur das, sondern dass ES wiederholt Kontakt zu dem Jungen aufnimmt, den er nach und nach in sein „Herz“ schließt.
Beide Autoren beschreiben in ihren Romanen einen eher schüchternen Jungen, der zwar einen starken Willen sowie eine unbezwingbare Neugier allem Neuen gegenüber hat, aber trotzdem sehr weit entfernt ist von dem harten militärischen Befehlshaber, den wir Leser später in Band 1 (Unternehmen Stardust von K.H. Scheer) kennenlernen.

Seitdem frage ich mich immer wieder, durch welches Schlüsselerlebnis aus dem schüchternen Jungen dieser eiskalte Befehlshaber werden konnte. Denn, obwohl Perry Rhodan seit seinem 12. Lebensjahr sein gesamtes Leben im Militär verbringt und damit seine Karriere ausschließlich im Militär wurzelt, kann das allein nicht der Grund für diese Veränderung sein.

Hier ist eine Erzählung über eine solche Möglichkeit … 

Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts und einer von Vorurteilen belasteten Welt sieht sich der gerade 31-jährige Perry Rhodan mit den Trümmern seiner eigenen Existenz konfrontiert ...



Testflug

4. Oktober 1967

Es war alles nach Plan gelaufen – bis jetzt!
Das Raketenflugzeug X-15 war planmäßig von dem B-52A-Bomber, der es auf die erforderliche Flughöhe gebracht hatte, da es nicht selbsttätig starten konnte, ausgeklinkt worden und Captain Perry Rhodan hatte sofort beschleunigen können.
Durch die neuen, modifizierten Tanks war es möglich geworden, den Erdball dreimal zu umrunden, ehe die X-15 landen und in der Luft nachgetankt werden musste.
Das Flugzeug hatte die Schallmauer durchbrochen und danach weiter beschleunigt. Die Flugleitung war von einer US Air-Force-Station an die nächste rund um die Erde weitergegeben worden. Die Flugroute führte über die NATO-Länder und sparte einen Überflug der Hoheitsgebiete des Ostblocks und der Asiatischen Föderation aus.
Man hatte in Washington gar nicht erst um eine Überfluggenehmigung nachgesucht. Diese Länder hätten ohnehin abgelehnt. Man hatte ihnen nur den Flug an sich mitgeteilt, um keinen Nährboden für wüste Spekulationen zu liefern.
Natürlich beobachteten die Großmächte sich bei ihren Raketentests und allem, was damit zusammenhing, argwöhnisch.
Das erschwerte das Vorhaben der Tests mit Höchstgeschwindigkeit, aber die Verantwortlichen und Rhodan als Pilot waren solche Schwierigkeiten schon seit Jahren gewöhnt.
Von daher also auch nichts, was den Testflug zu einem außergewöhnlichen Ereignis hätte machen können.
Der Steigflug verlief ohne Probleme. Als die Maschine die vorgesehene Höhe von 59 Kilometern erreicht hatte, beschleunigte Rhodan sie ganz langsam. Dieser Test galt nicht der Höhe, sondern der maximal möglichen Geschwindigkeit.
Die Flugroute ging über die Vereinigten Staaten, Alaska und den Nordpol, um anschließend senkrecht über Nordeuropa und von Frankreich aus über den Atlantik zurück nach Amerika zu führen. Die Funkstation in Grönland hatte die Leitung übernommen und Rhodan meldete sich zum Test ab.
Starflyer an Basis Grönland. Ich beschleunige jetzt.“
„Viel Glück, Starflyer“, kam es zurück.
Alles hätte ein Szenario aus dem Lehrbuch sein können.
Rhodans Augen hingen gebannt am Geschwindigkeitsmesser.
7000 km/h ... 7100 ... 7200 ... 7250 ... 7274 ... und ein fürchterlicher Knall!
Ihm kam es vor, als ob das Flugzeug auseinanderbrechen würde!
Kaum registrierte er noch, dass das ein neuer Geschwindigkeitsrekord war – der alte lag bei 7120 km/h. Das Flugzeug ruckte und sackte durch – und verlor massiv an Geschwindigkeit!
Blitzschnell reagierte er. Seine Gabe des „Soforthandelns“ hatte sich in den letzten Jahren noch um ein Vielfaches verstärkt.
Er gab sofort Gas und versuchte die X-15 wieder zu beschleunigen, ehe sie zu trudeln begann und er sie nicht wieder abfangen konnte.
Die Verwünschung, die ihm auf der Zunge lag, unterdrückte er. Sogar diese Sekundenbruchteile hatte er nicht!
Das Raketenflugzeug verlor gleichzeitig an Höhe und Geschwindigkeit. Das sagte ihm alles: der Nachbrenner war ausgefallen!
Rhodan wusste genau, was das bedeutete: Die X-15 konnte sich konstruktionsbedingt nur bei einer Mindestgeschwindigkeit von 400 km/h in der Luft halten.
Ein Blick auf die Gebietskarte entlockte ihm doch noch den bisher unterdrückten Fluch.
Durch das Abfangmanöver war er vom Kurs abgekommen und befand sich über der Ostsee mit direktem Kurs auf das Gebiet der DDR, die zum Ostblock gehörte!
Die nächste Funkstation! Eiskalt überlegte er. Panker! Ein winziges Nest an der östlichen Grenze der Bundesrepublik Deutschland, im nördlichsten Bundesland Schleswig-Holstein. Das war zwar eine Station der deutschen Luftwaffe und der britischen Besatzungsmacht, aber immerhin des Westblocks.
Er rechnete im Kopf. Bis zur Küste der Bundesrepublik würde er bei seiner jetzigen Geschwindigkeit, die immer noch weiter sank, noch ungefähr dreißig Minuten brauchen, eher weniger.
Rhodan hatte nicht vor, über das Gebiet der DDR zu fliegen, aber dort würde man schon das nahe Heranfliegen als Affront betrachten, weil die Regierungen der DDR und der sowjetischen Besatzungsmacht nicht offiziell über den Flug informiert waren.
Dass es auf eine Notlandung hinauslaufen würde, war ihm schon klar. Nun ging es nur noch darum, das wertvolle Flugzeug mit möglichst wenigen Beschädigungen wieder auf den Boden zu bringen - und das möglichst nicht auf dem Gebiet des Ostblocks!
Dass es dabei auch um sein eigenes Leben ging, daran dachte er nicht. Das riskierte er mit jedem Flug, also nichts Ungewöhnliches, sondern „nur“ seine tägliche Arbeit.
Lediglich Sekundenbruchteile benötigte er für seine Überlegungen, während er schon versuchte, den Fliegerhorst in Panker zu erreichen.
Wieder ein lautes Krachen – und die Geschwindigkeit sank weiter. Sie betrug nur noch knapp 700 km/h.
Starflyer, Captain Perry Rhodan, US Air Force, Testflug X-15“, meldete er sich. Sofort kam die Antwort, zwar mit lauten Störgeräuschen, aber verständlich.
„Wir haben Sie auf dem Radar, Captain“, antwortete eine Stimme in Englisch mit deutlichem deutschen Akzent.
Rhodan schilderte in sehr knappen Worten die Situation, der Offizier am anderen Ende reagierte schnell und präzise. Er sagt nur „Einen Moment“, dann meldete sich eine andere Stimme in perfektem Oxford-Englisch. Rhodan hörte sofort aus der Stimmlage, dass dieser Offizier im Unterschied zu seinem westdeutschen Kollegen entscheidungsbefugt war!
„Oberst Ripley, Royal Air Force. Wie können wir Ihnen helfen, Starflyer?“
„Ich brauche dreifache Landebahnlänge, sonst bekomme ich den Vogel nicht in einem Stück runter.“
Oberst Ripley schaltete sofort. „Die haben wir hier nicht.“ Es sprach für ihn, dass er gar nicht erst danach fragte, ob Rhodan den Flug über den Atlantik bis zur amerikanischen Ostküste riskieren könne.
„In für Sie erreichbarer Nähe kommen nur Berlin-Tempelhof und Ramstein in Frage.“
Rhodan rechnete blitzschnell im Kopf. Ramstein lag ca. achtzig Kilometer von Frankfurt am Main entfernt und war die größte US Air Force-Basis in Europa. Da wäre er sozusagen „zu Hause“.
Die Landung auf dem Flughafen von Berlin-Tempelhof würde schätzungsweise bei der sich immer weiter verringernden Fluggeschwindigkeit – hatte er nicht gerade einen ersten Aussetzer des Triebwerks gehört? - die Zeit bis zur Landung um gute zwölf Minuten verkürzen – aber um welchen Preis?
Er müsste in den nördlichen der drei Luftkorridore über das Gebiet der DDR einschwenken – einen Korridor, der von Verkehrsflugzeugen voll genutzt wurde. Man müsste alle Flüge umleiten – und ob das in der kurzen Zeit noch möglich war? An die politischen Verwicklungen dachte er dabei gar nicht.
Oberst Ripley schien genauso zu denken wie er.
„Schaffen Sie Ramstein, Starflyer?“
Rhodan spürte, wie ihm alles Blut aus dem Gesicht wich.
Ein Blick auf die eingeblendete Gebietskarte zeigte ihm die auftauchende deutsche Ostseeküste. Leicht korrigierte er den Kurs, so dass er das Gebiet der DDR nicht verletzte.
Gerade noch rechtzeitig, denn in seinem Funkempfänger schlug eine sehr laute Station durch. Der Mann am anderen Ende sprach Englisch mit hartem russischen Akzent.
„Major Amasow von der Roten Armee spricht. Ich rufe nicht identifiziertes amerikanisches Flugzeug. Sie sind im Begriff, unser Hoheitsgebiet zu verletzten. Ändern Sie sofort Ihren Kurs oder wir sehen uns gezwungen, Sie unter Feuer zu nehmen.“
Rhodan nahm sich nicht die Zeit, auf den Anruf zu reagieren. Die X-15 war ganz klar auf dem Radar der Russen zu erkennen und der Anruf lediglich eine Provokation. Stattdessen antwortete er Oberst Ripley: „Ich werde es versuchen, Sir.“
„Viel Glück, Starflyer. Ich veranlasse alles Nötige in Ramstein. Versuchen Sie, keine Bruchlandung zu bauen.“
Immerhin baue ich sie nicht über dem Gebiet des Ostblocks, dachte Rhodan zynisch. Also wird die X-15 zum Glück nicht in die Hände der Russen geraten. Verdammt – warum können wir nicht alle zusammenarbeiten?
Er fühlte seine Handflächen feucht werden. Die folgenden Minuten würden ihm wirklich alles abverlangen.
Trotzdem blieb er ruhig. Seine eiskalte Logik und sein Instinkt bestimmten sein Handeln. Alle Gefühle waren ausgeschaltet, zusammen mit der Angst. Natürlich hatte er Angst, obwohl er schon einige Notlandungen hinter sich hatte, sogar mit diversen Verletzungen, aber er konnte sie beherrschen und ließ nicht zu, dass sie sein Handeln bestimmte oder ihn sogar handlungsunfähig machte.

*

General Patrick Woodhower war seit fünf Jahren Kommandeur der US Air Force-Basis in Ramstein bei Frankfurt. In diesen fünf Jahren, in denen er seine Heimat nur für insgesamt sechs Wochen gesehen hatte, hatte er einiges erlebt. Aber das, was ihm heute geboten wurde, war auch für ihn neu.
Da er zu denjenigen Air Force-Offizieren gehörte, die ihre britischen Kollegen von „Ihrer Majestät Luftwaffe“ als etwas gewöhnungsbedürftig ansahen, besonders wenn sie mit ihrem affektierten „reinsten Oxford-English“ daherkamen, hatte er nur leise gestöhnt, als ihm der Anruf von Oberst Ripley von der deutsch-britischen Basis in Panker gemeldet wurde.
Das hielt aber nur ein paar Sekunden an. Oberst Ripley kam sofort zur Sache und General Woodhower bewies, dass er seinen Posten völlig zurecht innehatte.
Während er noch mit dem Kollegen sprach, hieb seine Hand schon auf den roten Alarmknopf, der ein ganz bestimmtes Szenario in Gang setzte, ohne dass er sich noch persönlich darum kümmern musste.
„Basis räumen“, dröhnte es aus jedem Lautsprecher. „Jet fliegt in Notlage an. Ich wiederhole: alle Landebahnen räumen. Stützpunktfeuerwehr ausrücken und auf Alarmpositionen. Rechnen Sie mit Notlandung unter extremsten Bedingungen!“
Das war eine aufgezeichnete Bandansage.
Jet, dachte Woodhower ironisch. Die X-15 ist wohl noch ein ganz anderes Kaliber.
Als Geheimnisträger der höchsten Stufe war er natürlich über das Raketenflugzeug und die Testreihen informiert. So wusste er auch über den heutigen Flug Bescheid und über den Piloten.
Ohne auf seinen Gesprächspartner in der Telefonleitung Rücksicht zu nehmen, brüllte er in sein Mikrofon, so dass seine Stimme bis in den letzten Winkel der Basis zu hören war: „Eine X-15 kommt herein. Beeilen Sie sich wie noch nie in Ihrem Leben! Es kann sein, dass sie in ein paar Minuten hier ist!“
„Sind Sie Hellseher, Sir?“, schrie der Leiter der Radarstation neben ihm.
„Nein, aber ich kann denken. Verdammt, Tempo!“
Dann erst wandte er sich wieder Oberst Ripley zu.
„Danke für Ihre Nachricht, Oberst. Wenn Sie gläubig sind, dann beten Sie.“
Plötzlich störte ihn der blasierte Oxford-Ton seines Kollegen überhaupt nicht mehr. Beide bangten um den Ausgang der Notlandung und um zahlreiche Menschenleben, wenn das Pech es wollte, dass die Basis nicht mehr rechtzeitig geräumt werden konnte. Der Pilot musste hier herunter, eine andere Wahl hatte er nicht mehr.
„Das mache ich schon, seitdem wir den Vogel in unserem Radar hatten. Kennen Sie den Piloten? Hat er eine reelle Chance?“
Woodhower brauchte nicht zu überlegen. „Wenn ich überhaupt jemandem eine solche Landung zutraue, dann ihm. Ein fliegerisches Naturtalent. Der hat mit seinen 31 Jahren schon mehr Flüge unter Extrembedingungen überlebt als viele ältere Kollegen. Captain Perry Rhodan soll Ende nächsten Jahres, sobald die Testreihen mit der X-15 beendet sind, zur US Space Force wechseln.“
General Woodhower hörte, wie sein Gesprächspartner deutlich Luft holte, dann klang unverhohlene Anerkennung in seiner Stimme mit: „Nur die besten Piloten haben eine Chance, in das Astronautenteam berufen zu werden. Viel Glück, General! Wir drücken Ihnen allen die Daumen!  Und richten Sie Captain Rhodan nach der Landung bitte meine Anerkennung aus!“
„Danke, Oberst. Das mache ich gerne!“
Man mochte sich nicht, besonders die manchmal etwas raubeinigen Air Force-Offiziere konnten ihre „blasierten Oxford-Kollegen“ nicht ausstehen, wie sie immer wieder betonten, aber man stand auf der gleichen Seite und man kämpfte für die gleiche Sache!
Dass der Pilot die Landung nicht schaffen und demzufolge auch nicht überleben konnte, daran dachte in diesem Moment mit Absicht niemand, man vermied es einfach, weil man keine „bösen Geister“ heraufbeschwören wollte.
Trotz aller Technik, Piloten waren immer noch abergläubisch!
„Ich brauche eine Übersee-Verbindung nach Edwards Air Base, sofort“, brüllte General Woodhower seinen Adjutanten an.
Der ließ sich nicht beeindrucken, er kannte seinen Chef schon genauso lange wie dieser Kommandeur von Ramstein war.
„Steht, Sir. In Ihrem Büro. Ich musste Colonel Fiers aus dem Bett holen.“
„Na und?“

*

Der schrille Alarmton riss Dr. Ellen White aus dem Schlaf, den sie gerade erst gefunden hatte.
Routinemäßig galt ihr erster Blick der Leuchtanzeige des Weckers: 03.10 Uhr! Als Ärztin und Kampfpilotin war sie nächtliche Alarme gewöhnt. Deshalb hielt sie sich auch nicht mit Höflichkeitsfloskeln auf, als sie sofort den Telefonhörer aufnahm und sich bei Colonel Fiers meldete.
Der machte auch keine überflüssigen Worte: „Sie starten in genau dreißig Minuten von jetzt an mit einem B 52-Bomber. Mobile Klinik ist an Bord. Rechnen Sie mit dem Schlimmsten. Flugziel: Basis Ramstein in Westdeutschland. Die X-15, die gestern gestartet ist, macht dort gerade eine Notlandung. Sie nehmen noch einen Testpiloten mit, Captain Kent. - Moment ...“
Sie hörte, wie er sich nach einem Klingelton an einem anderen Telefon meldete.
„Ja, verstanden“, hörte die Ärztin nur, ehe ihr höchster Chef sich wieder an sie wandte.
„Captain Rhodan kommt gerade rein in Ramstein. Er kann die X-15 nicht mehr in der Luft halten. Die Geschwindigkeit ist zu gering.“
Seine Stimme klang gepresst. Wer den Colonel kannte, wusste, wie große Sorgen er sich machte.
„Wir können heilfroh sein, dass er nicht über dem Gebiet des Ostblocks runter musste.“
Die Ärztin wusste auch Bescheid. Rhodan musste sehr viel Glück haben, um eine Notlandung mit diesem Flugzeug ohne schwerere Verletzungen zu überstehen.
Sie überhaupt lebend zu überstehen, sagte Ellen White sich in Gedanken. Seit Jahren war sie es gewöhnt, den Tatsachen ins Auge zu blicken. Obwohl sie sich inzwischen eingestand, dass sie an Rhodan und seinen Freund Captain Joe Kent ihr mütterliches Herz verloren hatte – viel mehr, als sie es eigentlich gedurft hätte.
Vielleicht sah sie in ihnen ihren Sohn, den sie wirklich sehr liebte, aber den sie so gerne als Piloten gesehen hätte.
„Verstanden, Sir“, antwortete sie dem Colonel nur kurz, dann legte sie auf.
Ihre Arzttasche und eine Notfalltasche mit ihren persönlichen Sachen standen immer gepackt bereit, eilig ging sie noch einmal auf die Toilette, putzte ihre Zähne und wusch sich das Gesicht. Die langen Haare bändigte sie mit einer Spange, dann schlüpfte sie in ihre Arbeitsuniform.
Mit je einer Tasche in einer Hand rannte sie über den Gang, auf dem direkten Alarmweg zum Flugplatz.
Mehr Vorbereitung gönnte sie sich nicht. Die war auch nicht nötig. Der Flug über die Vereinigten Staaten und den Atlantik würde einen halben Tag dauern. Genug Zeit, um sich an Bord des Bombers, der über alle Einrichtungen verfügte, in aller Ruhe herzurichten. Während des langen Fluges waren sie ohnehin alle zur Untätigkeit verurteilt. Es sei denn, sie erhielt die ersten medizinischen Daten über ihren Patienten Perry Rhodan schon während des Fluges über Funk.
Fünf Minuten vor Ablauf der Frist kam sie bei dem Bomber an. Der Pilot begrüßte sie mit einem kurzen Kopfnicken und deutete auf die ausgefahrene Gangway.
Sie hechtete hoch und flog mehr in den Laderaum der Maschine als sie sprang.
„Langsam, Doc, wir brauchen Sie heil“, hörte sie die Stimme von Joe Kent. Deutlich spürte sie die Sorge des jungen Mannes um den Freund. Sein Gesicht war in der diffusen Beleuchtung nur undeutlich zu sehen. Zum Glück kannte sie die Piloten, die ihr medizinisch anvertraut waren, gut genug, um hinter die äußere Fassade schauen zu können.
Sie saßen nebeneinander und sprachen kein Wort mehr, als der Bomber abhob und auf Kurs nach Übersee ging.

*

Das Triebwerk stotterte immer mehr. Die X-15 verlor weiterhin an Geschwindigkeit. Es wurde für Rhodan immer schwerer, die Maschine in der Luft zu halten.
Jedenfalls habe ich Glück mit dem Wetter, dachte er eiskalt. Über Süddeutschland schien die Sonne und der Wind war nur schwach.
Ideale Bedingungen für eine Notlandung.
Er wusste genau, welches Risiko gerade diese Notlandung in sich barg. Schon unter normalen Umständen brauchte eine X-15 eine Landebahn, die dreimal so lang war wie eine, auf der normale Kampfjets landeten. Das Landefahrwerk war für eine solche Maschine nicht ausgelegt und die Ingenieure sahen bis jetzt keine Notwendigkeit, diesen Nachteil zu beseitigen – zumal die Maschine ohnehin „nur“ zum Testen diente.
Und jetzt, mit ausgefallenem Nachbrenner?
Ramstein, obwohl die größte Air Force-Basis in ganz Europa, war nicht für die Landung des Raketenflugzeugs ausgelegt. Bisher waren alle Landungen in den USA auf Edwards Air Base durchgeführt worden. Dort gab es die entsprechenden Bahnen.
Natürlich konnte er versuchen, mit dem Schleudersitz auszusteigen, sobald die Höhe dafür niedrig genug war. Aber das widersprach seinen Prinzipien. Die X-15 würde ungebremst „vom Himmel fallen“ und unkalkulierbar viele Menschen mit den Tod reißen. Wenn er sie kontrolliert herunterbrachte, konnte er noch einiges verhindern – hoffte er jedenfalls.
Außerdem würde sein Aussteigen den unwiderbringlichen Verlust der wertvollen Maschine bedeuten, einem der „Türöffner“ für das Tor zu den Sternen. Die Air Force besaß nur drei dieser Testmaschinen. Und die Daten jedes Testfluges waren ein Puzzlesteinchen auf dem Weg in den Weltraum.
Unter ihm tauchte der Flughafen von Ramstein auf. Gleichzeitig die Stimme von General Woodhower selbst aus seinem Funkempfänger: „Platz ist geräumt, Starflyer. Feuerwehr in Einsatzposition.“
Rhodan überlegte blitzschnell, sein Instinkt riet ihm, dem General noch einen Hinweis zu geben.
„Danke, Sir. Aber ziehen Sie bitte die Feuerwehr zurück. Unterschätzen Sie den Vogel nicht. Wenn der außer Kontrolle gerät, sind die Männer so nah dran in höchster Gefahr.“
Eine Sekunde schwieg der General, dann bewies er seine Führungsstärke, indem er ohne weitere Rückfrage akzeptierte, dass Rhodan als Pilot der Maschine die Lage besser einschätzen konnte als er.
„Okay, Starflyer. Viel Glück. Heute Abend will ich mit Ihnen einen Whisky trinken.“
„Ich auch, Sir“, brachte Rhodan nur noch hervor, dann begann die X-15 übergangslos ein Eigenleben zu führen.
Er dachte nicht mehr nach, handelte nur noch routiniert und völlig ohne Emotionen.
Die Maschine sackte aufgrund der nicht mehr ausreichenden Geschwindigkeit viel schneller durch, als für eine Landung noch vertretbar.
Rasend kam der Boden näher. Das Raketenflugzeug begann leicht zu trudeln.
Rhodan bekam die unkontrollierten Bewegungen nur mühsam unter Kontrolle. Trudeln war die größte Gefahr beim Fliegen überhaupt, egal mit welchen Maschinen. Sobald eine Maschine trudelte, konnte der Pilot den gegenläufigen Bewegungen nur eine sehr kurze Zeit widerstehen. Auch sehr gut trainierte Piloten hatten keine Chance, je länger die Bewegungen dauerten und den Augen und damit dem Gehirn die Taumelbewegungen als Trugbilder vorgegaukelt wurden. Sobald ein Pilot oben und unten und links und rechts verwechselte, war es in der Regel vorbei mit ihm und dem Flugzeug.
Nein, dachte Rhodan trotzig. Nicht jetzt und nicht hier.
Der Horizont, den er eben noch klar wahrgenommen und Boden und Himmel klar voneinander trennen konnte, begann sich zu drehen.
Ihm wurde schwindlig. Mit Blinzeln versuchte er das Gefühl zu vertreiben. Dann folgte die unvermeidliche Übelkeit. Er schluckte heftig, um das Hochsteigen seines Mageninhaltes zu verhindern.
„Sie sind zu schnell“, dröhnte es aus seinem Funk. „Sie müssen langsamer werden, sonst schießen Sie über die Landebahn hinaus!“
Durchstarten, dachte Rhodan. Wenn ich jetzt einen normalen Kampfjet hätte, wäre das eine Möglichkeit. Aber mit dem Ding ist ein Start unmöglich!
Die X-15 konnten nicht selbst starten, dafür waren sie nicht konstruiert. Sie mussten in großer Höhe von einem Bomber, der sie im Huckepack-Verfahren hinaufgebracht hatte, ausgeklinkt werden.
Ein Griff an den Notschalter erhöhte die Sauerstoffzufuhr über die Maske.
Das gab ihm die nötigen Sekundenbruchteile, die er brauchte. Der reine Sauerstoff in höchster Konzentration durchbrach gerade noch rechtzeitig den Teufelskreis aus Schwindel und Übelkeit. Er konnte wieder klar sehen, wusste allerdings, dass das nur maximal einige Sekunden so bleiben würde.
Ohrenbetäubendes Knacken und Knirschen peinigte seine Ohren, als die X-15 aufsetzte. Mit aller Gewalt trat er auf die Bremse. Heulen und Kreischen. Das Flugzeug drehte sich um die eigene Achse.
Dadurch verlor es an Geschwindigkeit. Staubwolken wallten in die Luft und versperrten ihm die klare Sicht.
Wieder schoss die X-15 ein Stück vorwärts.
Dann noch einmal ein ohrenbetäubendes Splittern. Rhodan wurde mit fürchterlicher Gewalt nach vorne geschleudert. Die Anschnallgurte rissen und er prallte mit voller Wucht auf die Instrumententafel. Wahnsinniger Schmerz durchzuckte seine gesamte linke Seite. Unter der Maske schrie er laut auf. Zu sehr peinigte der Schmerz ihn.
Es erleichterte ihn ungemein und verschaffte ihm dadurch die paar Sekunden, die er noch brauchte.
Noch einmal splitterte und kreischte es, dann stand die Maschine!
Er keuchte und zitterte am ganzen Körper. Seine Zähne schlugen wie im Schüttelfrost aufeinander. Dazu wurde der Schmerz immer brutaler. Noch niemals zuvor hatte er solche Schmerzen gespürt. Sein Magen hob sich, er spürte deutlich, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich.
Schweiß brach ihm aus. Mit letzter Kraft riss er sich die Sauerstoffmaske vom Gesicht, dann fiel er in eine bodenlose Dunkelheit, die ihm gnädig Schmerzen und Übelkeit nahm.
Das Letzte, was er hörte, als ob der Sprecher ganz weit weg war: „Sie haben es geschafft, Starflyer. Denken Sie an den Whisky heute Abend.“
Dann war nichts mehr.

*

„Der Teufelskerl wird seinem Ruf mehr als gerecht“, meinte General Woodhower fasziniert. „Eben sah ich schon die Katastrophe über uns hereinbrechen und hätte für sein Leben keinen Cent mehr gewettet.“
„Hoffentlich ist er nicht tot“, ergänzte sein Adjutant. Die notgelandete X-15 sah mehr nach einem Trümmerhaufen, als nach einem hochmodernen Testflugzeug aus.
Während beide das aussprachen, liefen bereits die tausendfach geübten und erprobten Routinen ab.
Die Fahrzeuge der Flughafenfeuerwehr rasten zu der notgelandeten Maschine. Männer in Schutzanzügen kletterten an der Maschine hoch und winkten nach einigen Augenblicken ab.
Das war das Signal für die Spezialisten. Es bestand also keine Brand- oder Explosionsgefahr. Die Männer drangen mit Schneidbrennern in das Innere der Maschine vor und holten einen schlaffen Körper heraus.
Der Chefarzt des Stützpunktes und zwei Assistenten untersuchten ihn direkt vor Ort.
Dann richtete der Chef sich auf. „Er lebt“, sagte er sehr ernst. „Aber ich kann hier nicht feststellen, wie schwer er tatsächlich verletzt ist. Der Kreislauf ist stabil – was schon ein Wunder ist. Aber scheinbar hat er einige Knochenbrüche davongetragen.“
Die Feuerwehrmänner legten den bewusstlosen Piloten auf die Krankentrage und schoben sie in den Krankenwagen. Mit höchster Geschwindigkeit schoss der davon, Richtung Klinik.
Ein Jeep raste heran, General Woodhower und sein Adjutant stiegen aus. Der General sah noch die Staubwolke des davonrasenden Krankenwagens.
„Er lebt“, berichtete der kommandierende Offizier des Feuerwehrkommandos. „Der Doc vermutet einige Knochenbrüche.“
General Woodhower nickte nur. Der Chefarzt würde ihn informieren, sobald er Näheres sagen konnte. Vorher brauchte er gar nicht in der Klinik aufzutauchen.
Mit abschätzendem Blick musterte er die X-15 oder das, was davon übriggeblieben war.
„Räumen Sie die Landebahn und sichern Sie die Maschine“, ordnete er an. „Doppelwachen aufstellen. Wissen Sie eigentlich, was wir hier haben?“
Alle nickten nur, niemand antwortete. Trotzdem fuhr Woodhower fort: „Das derzeit geheimste Testflugzeug, das die USA besitzt. Und das auf einer Basis, die zwar amerikanisch ist, aber sich in einem geteilten Land befindet, das immer noch von Truppen der West- und Oststaaten besetzt ist. Ich möchte das Ding dort“, er deutete wieder auf das arg lädierte Flugzeug, „so schnell wie möglich wieder loswerden.“
Beim Blick auf seine Armbanduhr, ebenfalls eine auffällige Fliegeruhr, wie sie derzeit unter den Piloten sehr beliebt war, seufzte er.
„Noch ungefähr elf Stunden. In Edwards Air Base ist ein Bomber gestartet, der uns das hier“, wieder deutete er auf die X-15, „abnimmt und auch den Piloten mitnimmt.“
„Wenn er transportfähig ist“, wandte der Adjutant ein.
Woodhower lächelte. „Der Bomber hat eine fliegende Klinik an Bord, das Allermodernste – und Colonel Dr. White sowie einen zweiten X-15-Piloten. Der soll genau das gleiche Kaliber sein wie Captain Rhodan.“
„Den Chefarzt von Edwards?“, fragte einer der Offiziere um ihn herum.
Plötzlich grinste Woodhower wie ein kleiner Schuljunge.
„Die Chefärztin von Edwards. Nebenbei eine hervorragende Kampfpilotin. Eine der wenigen, die es in der Air Force überhaupt gibt.“
„Oh je“, stöhnte der Adjutant. „Und das bei Doc Rapsten.“
Die Offiziere grinsten. Die geglückte Notlandung – obwohl bisher noch nicht klar war, inwieweit das wertvolle Flugzeug zerstört war – und das Überleben des Piloten löste bei ihnen langsam die Spannung, unter der sie gestanden hatten.
Jeder wusste, dass der Chefarzt von Ramstein ein Egozentriker und Frauenhasser war. Seiner Meinung nach gehörten Frauen an den Herd und nicht in Arztkittel oder, noch schlimmer, in die Kanzel von Kampfjets.
Dabei musste sogar er anerkennen, dass Colonel Dr. Ellen White einen unbestreitbaren Ruf als Flugmedizinerin hatte.
„Haben Sie den Whisky kaltgestellt?“, fragte Woodhower seinen Adjutanten.
Der grinste. „Natürlich, Sir.“
„Ich möchte gerne mit Captain Rhodan anstoßen, das hatte ich ihm versprochen.“

*

Diesen Plan musste er vorerst verschieben. Doktor Rapsten meldete sich bei ihm, nachdem er die genaue Untersuchung von Rhodan beendet hatte.
„Es sieht nicht gut aus“, kam er sofort zur Sache. Er saß vor dem großen Schreibtisch des Kommandeurs. Der Adjutant saß vor einem etwas kleineren Tisch daneben und hielt seinen Notizblock bereit.
„Captain Rhodan muss mindestens zehn Schutzengel gehabt haben, dass er keine inneren Verletzungen hat. Aber darum geht es nicht. Das linke Schultergelenk ist aus der Kapsel gerissen, das Schlüsselbein doppelt gebrochen, der Oberarm sogar dreifach und die Rippen der linken Seite sind komplett abgeknickt. Der Kreislauf ist erstaunlich stabil. Der Mann muss eine Bärenkonstitution haben, was man bei seinem hageren Körperbau nicht vermutet.“
Mehr sagte er nicht. Die Worte standen als deutliche Drohung im Raum. Jeder der drei Männer wusste, was sie bedeuteten: wenn nicht ein Wunder geschah, das Ende der Karriere eines sehr guten Fliegers und zukünftigen Astronauten, der seine Berufung schon so gut wie sicher in der Tasche hatte.
„Was können Sie tun, Doc?“, fragte Woodhower.
„Nicht viel. Im Moment habe ich ihn mit Schmerzmitteln vollgepumpt und ihn unter starke Sedativa gesetzt. Zwei abgeknickte Rippen habe ich eingerichtet und einen festen Verband, damit die Spitzen nicht die Lunge verletzen. Ansonsten Eispacks, damit das Verletzungsgebiet nicht anschwillt und sofort operiert werden kann, sobald eine Entscheidung gefallen ist, ob und wie überhaupt. Bisher ist er noch nicht wieder wach geworden – zum Glück für ihn. Ich glaube nämlich nicht, dass die Medikamente ausreichen, um die Schmerzen wirklich zu unterdrücken.“
„Das kann doch wohl nicht alles sein?“
Der Arzt hob unsicher die Hand. Woodhower und sein Adjutant merkten auf. Unsicherheit bei ihrem Chefarzt – das hatte es bisher noch nie gegeben. Doktor Rapsten war genau wie die meisten anderen Chefärzte der US Air Force auf seinem Gebiet ein Könner.
„Es werden einige Operationen erforderlich sein. Die Knochen müssen gerichtet und geschraubt werden. Wenn alles gut verheilt, kann er sich in ein oder zwei Jahren wieder normal bewegen, aber ...“
Er sprach den Rest des Satzes nicht aus.
General Woodhower fand zuerst die Sprache wieder. Hier zeigte sich wieder einmal, dass die US Air Force eine große Familie war, besonders die Jagdflieger untereinander, die „Bruderschaft der Piloten“. Natürlich war er nicht der Kommandant von Captain Rhodan und insofern nicht für ihn zuständig. Es war lediglich seine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass der bestmöglich medizinisch versorgt und die X-15 so schnell wie möglich der Mannschaft aus Edwards übergeben wurde.
„Wer sagt ihm das, sobald er wieder wach ist? Können Sie sich vorstellen, was diese Diagnose für einen Flieger wie ihn bedeutet?“
Dr. Rapstens Gesicht blieb unbewegt. „Sehr genau, Sir. Es bedeutet für ihn das Ende für alles, an das er bisher glaubte und wofür er gekämpft hat. Das Schlimmste, was einem Mann und besonders einem Piloten, geschehen kann. Wir sollten abwarten, bis meine Kollegin aus Edwards hier ist.“
Die Worte standen wie eine dunkle Wolke über den drei Männern im Raum.
Dass Dr. Rapsten etwas einer Ärztin überlassen wollte, zeigte, wie ratlos er in dieser Sache war.
Woodhower überlegte, was er im Rahmen seiner dienstlichen Obliegenheiten tun konnte und war bereit, sogar noch darüber hinaus zu gehen. Wenn er nur wüsste, wie er ihm helfen könnte.
Der Wettlauf im Weltraum gegen den Ostblock war ein daueraktuelles Thema im Kreis der Air Force. Jeder Mann, der auch nur eine hauchdünne Chance hatte, zu den Auserwählten zu gehören, die dem im Moment führenden Ostblock Einhalt gebieten konnten, war ein Pilot der Extraklasse, der in jeder Form unterstützt werden musste. Außerdem hatte Rhodan ihm mit seiner Notlandung persönlichen Respekt abgenötigt. Sie war eine fliegerische Meisterleistung gewesen.
Dr. Rapsten schien einen Moment geistesabwesend zu sein, als ob er angestrengt überlegte. Dann hellte sein Gesicht sich auf.
„Ich habe eventuell eine Idee. Sehr gewagt in jeder Beziehung, aber – wenn es klappt – eine gute Chance für Captain Rhodan, wieder flugtauglich zu werden. Mit anderen Worten: die einzige, die er überhaupt hat. Wenn er darauf eingeht und“, er räusperte sich, „das Air Force-Oberkommando mitspielt.“
Woodhower winkte ab. „Captain Rhodan wird darauf eingehen, Doc. Sie kennen uns Flieger doch. Für das Fliegen riskieren wir alles. Und ein junger Mann, der zu den Sternen fliegen will, noch mehr. - Also raus mit der Sprache.“
„Ein international bekannter Neurochirurg arbeitet mit einem völlig neuartigen Knochenzement. Der Material ist noch in der Erprobung. Er hat darüber in einigen Fachartikeln berichtet. Bisher hat er das Zeug nur angewandt, um Löcher im Schädel nach Hirnoperationen wieder zu verschließen, aber dem Stoff werden wahre Wundereigenschaften zugeschrieben. Auch Unfallchirurgen sollen daran interessiert sein. Es beschleunigt die Heilung um Monate und baut die zerstörten Knochen regelrecht wieder neu auf. Sie sollen danach genauso belastungsfähig sein wie vor dem Unfall.
Sie können es sich als eine Art Alleskleber im Körper vorstellen. Nur hat es einen beachtlichen Risikofaktor. Durch die chemische Zusammensetzung kann es während der Einpassung bei der Operation zu gefährlichen Druckabfällen und Senkung der Sauerstoffsättigung im Blut kommen. Die OP bei Captain Rhodan wird Stunden dauern.“
Woodhower bewies, dass er völlig zu Recht Kommandant der bedeutendsten Air Force-Basis im westlichen Europa war und seine Leute sehr genau kannte.
„Wie Sie selbst sagten, Doc. Der Mann hat eine Bärenkonstitution. Das Problem liegt woanders. Wo?“
Dr. Rapsten lächelte gequält. „Der beste Unfallchirurg der westlichen Welt praktiziert am Boston Memorial, von daher kein Problem. Aber der Neurochirurg muss bei der OP anwesend sein, weil er bisher als einziger mit dem neuartigen Stoff gearbeitet hat. Und das ist das Problem. Der Mann ist Deutscher, Bürger der BRD. Ich habe damit kein Problem. Sie wissen doch, Ärzte verstehen sich immer, auch über Landesgrenzen hinweg.“
„Ja, ich weiß. Ärzte stehen über Streitigkeiten und Kriegen. Das ist völlig richtig so Interesse ihrer Patienten.“
Er überlegte blitzschnell. Bis die Maschine aus Edwards hier sein konnte, würde es noch ungefähr acht Stunden dauern. Verlorene Zeit, wenn sie erst danach anfingen, zu handeln.
Die strikte Geheimhaltung um alles, was mit dem Projekt X-15 zusammenhing, komplizierte die Situation. Zum Glück war der Neurochirurg Westdeutscher, gehörte also zu ihren Verbündeten. Trotzdem musste das Oberkommando der Air Force zustimmen, ehe man überhaupt Kontakt zu ihm aufnehmen konnte.
„Wer ist der Neurochirurg und wo erreichen wir ihn?“
„Professor Johann Schröder, Chefarzt der Neurochirurgie an der Universitätsklinik in Kiel.“
„Ganz da oben im Norden“, entfuhr es Woodhower. „Muss das sein?“
„Ich kann es nicht ändern, General.“
Der wandte sich zu seinem Adjutanten, der schon den Block bereithielt.
„Machen Sie unserem Sicherheitsdienst Beine. Ich brauche alles, was über diesen Professor Schröder bekannt ist. Das geht von hier aus schneller als in Washington. Wenn Sie das haben, eine Vorrang-Überseeverbindung über TAT-4. Lassen Sie sich nicht abwimmeln. Ich will den Oberkommandierenden sprechen, und das sofort!“
Der Adjutant stöhnte, aber fing sich sofort wieder. Schließlich kannte er seinen Chef schon etwas länger.
TAT-4, das neue Transatlantische Telefonkabel, gerade erst 1965 verlegt zwischen Frankreich und New Jersey. Weitaus größere Kapazität als die Vorgänger. Wenn jemand über dieses Kabel mit einer Vorrangverbindung im Pentagon anrief, brannte es in der Regel schon irgendwo auf der Welt.
Dass General Woodhower der Sache diese Dringlichkeit beimaß, zeigte, wie sehr ihn sein „Bruder“ aus der Pilotenbrüderschaft von sich überzeugt hatte allein durch seine Leistung, ohne dass er überhaupt ein Wort mit ihm gesprochen hatte.

*

Bereits nach zwei Stunden hatte der Sicherheitsdienst der Basis die erforderlichen Informationen. Professor Dr. Johann Schröder war in jeder Beziehung vertrauenswürdig. Er hatte sogar vor zwei Jahren eine Gastprofessur am Boston Memorial gehabt und sprach perfekt Englisch. Von daher kannte er sogar den Unfallchirurgen, der, wenn alles klappte, die Operation durchführen würde.
Der Adjutant ließ sich nicht vertrösten und verschaffte General Woodhower das gewünschte Gespräche mit dem Oberkommandierenden der US Air Force. Der wiederum reagierte bei den Stichwörtern „zukünftiger Astronaut“ und „Notlandung mit der X-15 überlebt!“ ebenfalls ohne Zögern. Er ließ sich beim Präsidenten melden.
Präsident John F. Kennedy, dem gerade die „peinliche Weltraumangelegenheit“ mit dem unbestreitbaren Vorsprung des Ostblocks besonders am Herzen lag, ließ sich direkt mit General Woodhower verbinden. Der hatte überhaupt nicht damit gerechnet, mit seinem allerhöchsten Befehlshaber zu sprechen. Trotzdem bewahrte er seine Fassung und blieb sachlich und logisch in seiner Argumentation.
Das Gespräch endete mit uneingeschränkten Vollmachten in dieser Sache für General Woodhower.
Erleichtert veranlasste der General alles Weitere. Er selbst nahm Verbindung zu Professor Schröder auf. Dort musste er eine halbe Stunde warten, bis der Professor eine komplizierte Operation abgeschlossen hatte, bezeichnenderweise unter Einsatz des neuen Knochenzements.
Professor Schröder hörte sich an, was der Air Force-General ihm zu sagen hatte und sprach auch mit seinem Kollegen Dr. Rapsten, dann sagte er direkt zu, obwohl die Operation gerade eben die letzte eines langes, anstrengenden Tages gewesen war.
Er brauchte nur seine Obliegenheiten als Chefarzt der Klinik für Neurochirurgie an seinen Stellvertreter zu übertragen und seine Frau anrufen, dass er kurzfristig in die USA reisen müsse und über mehrere Tage nicht zu erreichen wäre. Mehr durfte er wegen der Geheimhaltung nicht sagen. Seine Frau wunderte sich ein wenig, aber stellte keine Fragen. Da sie selbst Ärztin war, hielt sie ebenfalls sehr viel auf die Schweigepflicht. Sie ging von einem kritischen Patienten aus, womit sie der Sache schon sehr nahekam.
Einen Koffer oder eine Reisetasche brauchte er ebenfalls nicht. Man versicherte ihm, dass alles, was er für sich persönlich benötigte, zur Verfügung gestellt würde, angefangen vom Rasierzeug über die Zahnbürste bis zur passenden Kleidung.
So steckte er lediglich seine Papiere ein und zog seine Jacke über. Da er öfter auf Vortragsreisen ging, besaß er ein uneingeschränkt gültiges USA-Visum.
Niemand schenkte dem kleinen Aluminiumkoffer, den er noch bei sich trug, Aufmerksamkeit.
„Medizinische Präparate“ stand darauf. In einer Klinik ein gewohnter Anblick. In ihm befand sich eine größere Menge des neuen Knochenklebers. 
Ein Zivilwagen der Kieler Polizei brachte Professor Schröder, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, zum Marine-Fliegerhorst in Kiel-Holtenau. Dort wartete bereits ein Hubschrauber der deutschen Bundeswehr und brachte ihn zum Fliegerhorst in Panker. Auf dem Landefeld stieg er direkt um in eine Transportmaschine der Royal Air Force, die sofort abhob im Dämmerlicht des frühen Abends.
General Woodhower hatte seinen britischen Kollegen Oberst Ripley um Unterstützung gebeten, die dieser sofort gewährt hatte.
Professor Schröder war müde und zerschlagen nach seinem anstrengenden Tag. Trotzdem konnte er die Flugzeit von knapp neunzig Minuten nicht zum Entspannen nutzen. Zu neugierig war er auf seinen Patienten, der in Ramstein auf ihn wartete. Der Kollege hatte ihn bisher nur darüber informiert, dass es sich um einen jungen Air Force-Piloten handelte, an dessen kompletter Heilung sogar der Präsident der USA persönlich ein großes Interesse hegte und dass dessen einzige Chance eine Operation unter Anwendung des neuen Knochenzements war – bei einer unfallchirurgischen Operation. Das war bisher noch nie gemacht worden. Eine äußerst riskante Sache nach seinem Dafürhalten. Der Chefarzt von Ramstein hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass es für den Piloten die einzige Chance war, wieder fliegen zu können. Die Operation sollte in den USA in der bestens ausgestatteten Klinik der Edwards Air Base stattfinden, sofern der amerikanische Unfallchirurg zustimmte. Mehr würde er in Ramstein und anschließend in den USA erfahren.

*

General Woodhower, Professor Schröder und Dr. Rapsten saßen in einer Ecke des Offizierskasinos von Ramstein. Vor den großen Fenstern herrschte Dunkelheit.
Dr. Rapsten hatte seinen deutschen Ärztekollegen während des gemeinsamen Essens über alles informiert. Wie in allen Air Force-Basen üblich, hatten die Kantinen rund um die Uhr geöffnet.
Professor Schröder wurde immer gespannter auf diesen Piloten, nicht nur aus ärztlicher Sicht, sondern genauso aus menschlicher. Wie General Woodhower ihm sagte, sollte er berühmt-berüchtigt für einen gewissen Instinkt sein, eine Art Vorahnung, die ihn in kritischen Situationen immer richtig reagieren ließ. Als Neurochirurg interessierte ihn dieser Aspekt besonders. Er nahm sich vor, darüber mit Captain Rhodan zu sprechen, sobald dieser die große Operation, die auf ihn zukam, überstanden hatte. Sicherlich würde sich genügend Gelegenheit dazu ergeben in den Tagen, die er nach OP im Krankenbett verbringen musste. Und für ihn als Arzt war es eine Sache der Ehre, einen Patienten, für den er mitverantwortlich war, erst zu verlassen, nachdem dieser auf dem Wege der Besserung war.
„Wann wird unsere Kollegin aus den Staaten hier sein?“, fragte er.
General Woodhower rechnete kurz nach. „In ungefähr zwei Stunden.“
Schröder wandte sich an seinen Kollegen, der beim Wort „unsere“ unwillig das Gesicht verzogen hatte. „Kann ich Captain Rhodan vorher schon einmal ansehen?“
„Ansehen ja. Aber er ist nicht ansprechbar. Ich habe ihn stark sediert.“
Schröder dachte nach. Das gefiel ihm als Neurochirurgen überhaupt nicht.
„Bei allem Respekt, Herr Kollege. Aber unser Patient wird eine äußerst riskante Operation durchhalten müssen, bei der wir noch nicht wissen, wie viele Betäubungsmittel wir ihm verabreichen müssen. Möglicherweise wird auch ein künstliches Koma erforderlich. Ihn vorher schon vollzupumpen, könnte später alles verkomplizieren.“ Er räusperte sich. „Sicher haben wir Ärzte es dadurch leichter, dass die Patienten sich nicht wehren und keine Fragen stellen können.“
„Schon“, gab Rapsten unwillig zu. Schröder spürte, dass er nicht gerne kritisiert wurde und noch weniger gerne Unrecht hatte. Der Kollege schien ein hervorragender Militärarzt zu sein, aber ihm kam er ein wenig zu rechthaberisch und bestimmend vor. Gerade in einem solchen speziellen Fall war Fingerspitzengefühl gefordert. Dr. Rapsten schien noch ein Militärarzt „vom alten Schlag“ zu sein. Davon kannte er mehr als genug aus dem Krieg. Härte durch und durch, wehe der Patient zeigte sich empfindlich. Und wenn der Patient so höllische Schmerzen litt, dass er sich nicht beherrschen konnte, wurde er eben ruhiggestellt. Direkt in einem Feldlazarett war das sicherlich angebracht, weil man sich keine zappelnden und protestierenden Patienten leisten konnte, wenn man alle angemessen versorgen wollte, aber sie waren glücklicherweise schon lange nicht mehr im Krieg.
„Ich möchte ihn sehen und mit ihm sprechen“, beharrte Professor Schröder auf seinem Standpunkt. „Also werden wir ihn aufwecken.“
Rapsten zögerte, öffnete den Mund, um zu widersprechen, hob dann aber nur die Schultern. „Captain Rhodan ist ohnehin nicht mehr mein Patient, sobald Dr. White ankommt.“
Wieder hatte Schröder das Gefühl, als ob der Kollege den Namen irgendwie abwertend ausgesprochen hatte. Er nahm sich vor, darauf zu achten.
„Also kann ich Ihnen den Patienten auch gleich übergeben“, fuhr Rapsten fort. „Damit haben Sie aber auch die Verantwortung für ihn.“
„Sehr schön“, meinte Schröder nur trocken. „Einverstanden.“
„Und ich brauche die Übergabe an Dr. White nicht machen, das ist dann ihre Sache.“
Wieder dieser Ton. Ein kurzer Blick auf das Gesicht von General Woodhower war für Schröder die endgültige Bestätigung. Sein Kollege, so kompetent er auch sein mochte, hatte gewisse menschliche Probleme, wozu nicht nur die Unfähigkeit gehörte, einen Fehler einzugestehen, sondern viel mehr noch, Frauen als Ärzte zu akzeptieren.

*

Nur ganz langsam kam Rhodans Bewusstsein wieder zurück. So, als ob er sich mühsam aus einem übermäßig weichen Bett herausschälen musste.
Bett? Er schlug die Augen auf und begriff sofort!
Ein Krankenzimmer!
Schon wieder!
Dann der nächste Gedanke. Die Notlandung, die X-15. Das Splittern und Kreischen, das er noch gehört hatte, ehe alles um ihn herum dunkel geworden war.
Seine Erinnerung setzte übergangslos wieder ein und er zog sofort die richtigen Schlüsse. Also hatte er das Raketenflugzeug auf den Boden gebracht. Ob heil oder nicht, er wusste es nicht. Wahrscheinlich mehr oder weniger schwer beschädigt. Aber er hatte es geschafft, in Ramstein zu landen, auf der größten Air Force-Basis in Europa.
Immerhin etwas, dachte er zynisch.
Er selbst lag in einem Krankenzimmer, das war eindeutig.
Ein paarmal blinzelte er, dann klärte sich sein Blick vollständig. Sofort spürte er die fremde Anwesenheit in dem Zimmer.
Keine Krankenschwester und auch kein Sanitäter. Ein älterer Herr in einem weißen Arztmantel, graumeliertes, gepflegtes Haar, hochgewachsen. Der Arzt strahlte dieses gewisse Charisma aus, das Rhodan sofort verriet, es nicht mit einem der üblichen Militärärzte zu tun zu haben.
Schmerzen überfielen ihn übergangslos, wie ein reißendes Tier. Übelkeit – und Durst! Riesiger Durst!
Seine Kehle war knochentrocken. Die Schmerzen brannten in der gesamten linken Körperseite, obwohl er äußerlich eisige Kälte spürte.
Rhodan versuchte, die linke Hand zu bewegen. Es ging nicht. Sie war straff fixiert.
Gewaltsam presste er die Lippen zusammen. Am liebsten hätte er vor Schmerzen geschrien. Die Anwesenheit des fremden Arztes hielt ihn davon ab. In der X-15 hatte er seine Qual einfach hinausgeschrien, aber hier erlaubte sein Stolz das nicht mehr.
Schließlich war er Offizier der Air Force, von dem ein gewisses Verhalten einfach erwartet wurde.
Den rechten Arm dagegen konnte er einwandfrei bewegen, soweit es die Infusion zuließ, die in seiner Ellenbeuge angeschlossen war.
Also ist es wieder einmal so weit. Fliegen und Krankenhaus scheinen irgendwie zusammenzugehören.
Der ältere Herr lächelte ihm freundlich zu, nahm ein Glas vom Nachttisch und schenkte klares Wasser aus einer Karaffe ein.
Rhodan hob den Kopf, wollte sich aufsetzen. Es ging nicht. Nun entrang sich ihm doch noch eine Verwünschung.
„Lassen Sie sich helfen, Captain Rhodan“, sprach der Arzt ihn an. Er sprach ein klares Englisch mit deutlichem deutschen Akzent. „Ich bin Professor Johann Schröder von der Universitätsklinik Kiel.“
Rhodan lächelte ihn gequält an.
Richtig vermutet! Kein Militärarzt!
Plötzlich störte es ihn gar nicht mehr, sich von diesem Mann helfen zu lassen. Im Gegenteil kam es ihm völlig normal vor.
Rhodan trank mit der Hilfe des Arztes Schluck für Schluck gleich zwei Gläser aus. Obwohl es nur einfaches Wasser war, kam es ihm wie etwas unendlich Köstliches vor.
Beim Zurücksinken auf das Kissen konnte er ein schmerzhaftes Stöhnen nicht mehr unterdrücken.
Sein Verstand arbeitete blitzartig und zeigte ihm die bemerkenswerten Punkte auf.
Ein Professor von einer Universitätsklinik. Dazu noch ein Deutscher und kein Militärarzt.
Wieso? Was will er hier? Was habe ich für Verletzungen? Welche Folgen können sie für mich haben?
Rhodan dachte schon wieder einen Schritt weiter als andere an seiner Stelle jetzt getan hätten. Dadurch und durch sein ungewöhnlich schnelles Reagieren hatte er sich seinen Ruf in Fliegerkreisen erworben.
„Danke, Professor Schröder. Was ist mit mir los?“
Der Arzt zog sich seinen Stuhl näher heran.
„Der Reihe nach, Captain. Sie werden sich sicherlich denken, dass ich aus einem ganz bestimmten Grund hier bin, weil ich kein Militärarzt bin.“
Rhodan nickte nur, lehnte sich zurück und horchte in sich hinein. Bleierne Müdigkeit saß ihm im ganzen Körper, zusätzlich zu den Schmerzen und dem immer stärker werdenden Taubheitsgefühl in seiner linken Seite. Vorsichtig versuchte er die Zehen zu bewegen und atmete erleichtert auf. Es ging! Zumindest schien er nicht gelähmt zu sein.
„Ich bin Neurochirurg“, fuhr Professor Schröder fort und winkte gleich ab, als Rhodan mit der rechten Hand seinen Kopf betastete.
„Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Sie haben keine Kopfverletzungen. Ich bin aus einem ganz anderen Grund hier. Im Moment bin ich Ihr behandelnder Arzt, bis meine Kollegin aus den Staaten eintrifft. Sobald ich mich mit ihr beraten habe, werden wir Sie über Ihre weitere Behandlung informieren. Bis dahin bitte ich Sie um Geduld und versuchen Sie, ein wenig zu schlafen.“
Rhodans Gesicht wurde wieder zur starren Maske, die er immer nach außen zeigte, wenn es in ihm brodelte. Mühsam beherrschte er sich, so dass er nur leise fragte: „Wie stellen Sie sich das vor, Professor? Ich möchte wissen, was mit mir ist und worum es für mich geht. Davon hängt für mich sehr viel ab.“
Professor Schröder nickte einfach. „Das weiß ich, Captain Rhodan. Und ich verstehe Sie auch sehr gut. Aber ich möchte nicht spekulieren, sondern Ihnen Fakten nennen können. Das kann ich erst nach dem Gespräch mit Dr. White.“
Er weicht mir aus, erkannte Rhodan klar, obwohl er immer noch das Gefühl hatte, Watte im Kopf zu haben.
Betäubungsmittel – und nicht wenig. Deshalb habe ich dieses komische Gefühl im Kopf.
Die Erkenntnis versetzte ihn noch mehr in Unruhe.
Ohrenbetäubendes Dröhnen drang in das Zimmer. Rhodan wusste, dass Kliniken auf Air Force-Stützpunkten grundsätzlich in der Nähe der Start- und Landebahnen lagen, damit der Weg mit schwer verletzten Patienten nicht so weit war. Deshalb konnte man auch jedes Flugzeug starten und landen hören.
Sein geschultes Ohr erkannte sofort, dass ein Bomber der B-52-Klasse zur Landung ansetzte.
Professor Schröder sah auf seine Armbanduhr und erhob sich, scheinbar sehr erleichtert, dass er nun keine näheren Auskünfte mehr geben musste.
„Ich nehme an, das ist die Maschine aus den Vereinigten Staaten, die wir alle erwarten.“
„Ein Langstreckenbomber“, bestätigte Rhodan.
Schröder öffnete die Zimmertür, um einen Offizier mit den Rangabzeichen eines Generals einzulassen, der wohl vor der Tür gewartet hatte.
„Nun habe ich Ihnen lange genug den Captain vorenthalten, General“, sagte er jovial und verabschiedete sich: „Ich werde sofort mit Dr. White sprechen und dann kommen wir wieder zu Ihnen, Captain.“
Rhodan wurde das Gefühl nicht los, dass der Professor es plötzlich sehr eilig hatte, das Krankenzimmer zu verlassen.
Mühsam konzentrierte er sich auf General Woodhower, der seiner Freude über die geglückte Notlandung Ausdruck verlieh, indem er eine Flasche Whisky und zwei Gläser auf den Nachttisch stellte.
Rhodan war mit seinen Gedanken bei seinen Verletzungen. Es war nicht seine erste, deshalb war ihm sehr klar, dass es keine gewöhnliche war. Allein, dass man wohl einen zivilen Spezialisten hinzugezogen hatte, gab der Sache großes Gewicht.
Unter normalen Umständen, wenn er schon gewusst hätte, was mit ihm war und was es für Auswirkungen haben konnte, hätte er sehr gerne auf die geglückte Notlandung mit dem General angestoßen. So musste er sich höllisch zusammenreißen.
Warum machen die so viel Aufwand und so viel Geheimnis darum? Warum sagt der Professor mir nicht, was mit mir ist?
Als Soldat hatte er die Pflicht, jede Behandlung auf sich zu nehmen, egal wie unangenehm sie werden konnte, um seine Leistungsfähigkeit wiederherzustellen. In der Regel wurden die Patienten gar nicht erst gefragt. Die Ärzte teilten ihnen mit, worum es ging und dann ging es auch schon los. Das war eben das Militär.
Jetzt endlich kam ihm der entscheidendes Gedanke: Leistungsfähigkeit? Kann ich überhaupt wieder fliegen?
Die Erkenntnis traf ihn wie ein gewaltiger Hammerschlag. Besonders, was sie für ihn bedeutete ...

*

Wieder einmal liefen Routinen ab, die tausendfach geübt worden waren. Die Air Force überließ nichts dem Zufall.
So kam Captain Joe Kent direkt nach der Landung gar nicht dazu, seinen Freund aufzusuchen und sich persönlich von dessen Befinden zu überzeugen.
Während des Fluges waren alle Beteiligten über die neuesten Entwicklungen informiert worden. Das dichte Netz von Funkstationen und die Überseetelefonkabel machten es möglich.
Kent wusste genau wie Dr. Ellen White, was Rhodans Verletzungen für ihn bedeuteten. Sie brauchten darüber nicht zu sprechen. Ein paar bedeutungsvolle Blicke reichten.
Kent sprach nicht aus, was der dachte: Vielleicht wäre Rhodan froh gewesen, wenn er die Notlandung nicht überlebt hätte.
Als die Nachricht von einer Heilungsmöglichkeit im Bomber ankam, klammerte er sich an diesen Strohhalm und hoffte auf einen Erfolg. Über die damit verbundenen Gefahren machte er sich keine Gedanken. Lebensgefahr war ihr tägliches Geschäft als Testpiloten. Man sprach nicht darüber, dass der Tod immer mitflog.
Colonel Dr. Ellen White kannte den Kollegen aus Ramstein vom Hörensagen. Begegnet war sie ihm noch nie persönlich.
Sie lächelte schelmisch, als ihr Dr. Rapsten avisiert wurde. Ein Arzt, der Frauen höchstens eine Aufgabe als Krankenschwester „zugestand“, war bei ihr genau an der richtigen Adresse.
Ungeachtet dessen wusste sie, dass Dr. Rapsten zwar ein Militärarzt vom alten Schlag war, bei dem Patienten den Mund zu halten und den ärztlichen Anordnungen zu folgen hatten, aber fachlich ein ganz hervorragender Arzt.
Auf die Begegnung mit ihm hatte sie sich schon durch ihre Kleidung vorbereitet. Sie stieg nicht im Arztkittel aus dem Bomber, sondern in einer leichten Fliegerkombination, die von den Angehörigen der Air Force auch bei Arbeiten am Boden getragen wurde. Ihr langes, graues Haar war militärisch hochgesteckt.
Lediglich ihre Rangabzeichen und das Symbol eines Oberstabsarztes verrieten jemandem, der sie nicht persönlich kannte, ihren Rang.
Umso erstaunter war sie, als sie vom Adjutanten des Stützpunktkommandeurs freundlich begrüßt und in dessen Büro geführt wurde. Dort erwartete sie ein freundlicher, älterer Herr im Arztmantel, der sich in klarem Englisch mit deutschem Akzent als „Professor Johann Schröder, Chefarzt der Neurochirurgischen Universitätsklinik Kiel“ vorstellte.
Er lächelte bezeichnend. „Der Kollege Rapsten hat mir den Patienten bereits übergeben, Colonel.“
Sie nickte. „Mrs. White reicht, Herr Kollege.“
„Danke, Frau Kollegin. Ich hoffe, Sie hatten einen guten Flug.“
Mehr Zeit für Höflichkeitsfloskeln nahm er sich nicht. Eine Antwort wartete er nicht ab, sondern fuhr fort: „Wir sollten uns sofort ausführlich mit der Diagnose und den Möglichkeiten beschäftigen. Soweit ich weiß, wurden Sie bereits während Ihres Fluges informiert und sind auf dem aktuellen Stand.“
„Außer, was den Zustand von Captain Rhodan betrifft. Haben Sie ihm die Diagnose schon erläutert?“
Schröder verzog das Gesicht. „Das wollte ich Ihnen überlassen bzw. warten, bis wir in Boston sind und das zusammen mit Professor Newton machen, der ja auch die Operation verantwortlich durchführen wird.“
Ellen schüttelte heftig den Kopf. „Keine gute Idee. Ich kenne Captain Rhodan ein wenig besser als Sie, da ich seine verantwortliche Fliegerärztin bin. Der wird nicht lockerlassen, bis er weiß, was Sache ist.“
Sie wandte sich an den Adjutanten. „Wir wollen so schnell wie möglich wieder starten. Sobald ...“
Sie brach mitten im Satz ab und meinte bedauernd zu Professor Schröder. „Das fällt leider unter die Geheimhaltung.“
Der schüttelte nur den Kopf. „Ich weiß bereits in groben Zügen, was hier geschehen ist und warum Captain Rhodan diese Verletzungen hat. Machen Sie sich keine Sorgen. Ich bin auf dem Flug hierher auf die höchste Geheimhaltungsstufe vereidigt worden, da ich Zivilist bin.“
Schröder blickte angelegentlich auf seine Fingernägel herunter. „Abgesehen davon, dass ich es als Arzt sehr gut finde, einem Patienten jede Chance zu geben, die er bekommen kann, frage ich mich: Warum ist dieser Offizier für Sie so wichtig, dass Sie sogar auf die Hilfe von Zivilisten zurückgreifen? Das ist nicht der Stil des Militärs, in keinem Land der Welt.“
Seine Stimme war zum Ende des Satzes messerscharf geworden.
Ellen überlegte einen Moment, dann gab sie nach.
„Captain Rhodan wird zum Ende des nächsten Jahres nach einer bestimmten Testreihe, die bis dahin abgeschlossen sein soll, zur nächsten Gruppe unserer Astronauten stoßen, sofern er die dafür nötigen Auswahltests besteht.“
Professor Schröder starrte sie Sekundenbruchteile an, dann sagte er sehr ernst: „Sofern er überhaupt wieder flugtauglich wird. Lassen Sie uns an die Arbeit gehen, Frau Kollegin. Sie können voll auf mich zählen.“
Die beiden Ärzte sprachen alles durch, diskutierten, überlegten, erwogen Möglichkeiten und aßen mehr nebenbei ein paar Sandwichs und tranken starken Kaffee. Sie wussten, dass ihnen die Zeit weglief.
Je länger sie warteten, desto mehr würde das Gewebe um die Bruchstellen herum anschwellen, obwohl es permanent mit Eisbeuteln gekühlt wurde.
Wenn die Schwellung ein bestimmtes Stadium erreicht hatte, war eine Operation mit noch größerem Risiko verbunden als ohnehin schon, weil man in das aufgequollene Gewebe, in dem sich viel Flüssigkeit gesammelt hatte, hineinschneiden musste. Oder man musste das Abschwellen abwarten, was viele Tage dauern konnte, in denen die Knochen schon wieder „falsch“ zusammenwuchsen.
Mit dem Unfallchirurgen Professor Newton in Boston sprachen sie das weitere Vorgehen direkt ab.
Professor Newton würde mit einem normalen inneramerikanischen Linienflug nach Kalifornien fliegen und sie dort schon erwarten.

*

Die technischen Spezialisten und Captain Joe Kent als Pilot der X-15 kümmerten sich um die schwer beschädigte Maschine.
Unter Flutlichtbeleuchtung wurde sie auf den Rücken des B 52-Bombers gezogen und dort befestigt. So, als sollten sie zu einem normalen Flug starten und das Raketenflugzeug in der entsprechenden Höhe ausklinken.
Um kurz nach 10.00 Uhr Ortszeit waren sie fertig. Inzwischen schien die Sonne strahlend vom Himmel. Die Flugcrew hatte während dieser Stunden geschlafen und bereitete den Rückflug vor.
Während der Stunden, in denen er hart arbeitete, dachte Joe Kent immer wieder an den Freund. Zu gerne hätte er sich ein paar Minuten frei gemacht und wäre schon zu ihm gegangen. Wahrscheinlich wusste Perry Rhodan noch nicht einmal, dass er auch mitgekommen war.
Zu gerne hätte Kent sich über das Verbot von Dr. White hinweggesetzt, die ihm schlichtweg befohlen hatte, den Freund nicht zu besuchen, sondern ihn erst im Bomber zu sehen. Dabei musste er zugeben, dass die Argumente der Ärztin ihn überzeugt hatten.
Beide Piloten hatten im Laufe der Jahre zu Dr. Ellen White ein tiefes Vertrauensverhältnis aufgebaut und widersprachen ihr äußerst selten.

*

Perry Rhodan war sehr froh gewesen, nachdem General Woodhower ihn verließ. So sehr er sich auch freute, die Notlandung überlebt zu haben, umso schwerer wog die Ungewissheit über seine Verletzungen.
Die freundliche Krankenschwester, die ihn betreute und sich als „Schwester Suzan“ vorstellte, konnte oder durfte ihm keine Auskunft geben.
Seine gesamte linke Seite schien zu brennen, trotz der Eisbeutel, die darauf lagen und jede Stunde gewechselt wurden. Das sagte ihm genug, um zu wissen, dass man eine Operation plante. Operationen in angeschwollenem Gewebe waren ziemlich riskant, das wusste auch er als medizinischer Laie.
Knochenbrüche hatte er schon gehabt, auch solche, die operiert werden mussten. Also wusste er in groben Zügen, was ihm bevorstand – und es drückte seine Stimmung noch mehr.
Operation, Vollnarkose – er schob den Gedanken noch von sich. Das, was ihm danach bis jetzt jedes Mal widerfahren war, gehörte mit zu den Gründen, warum er Krankenhäuser und alles, was damit zusammenhing, so verabscheute. Gegen das Gefühl konnte er nichts machen. Schon der Geruch von Krankenhäusern machte ihn regelrecht „krank“.
In den vergangenen Jahren bei der Air Force hatte er allerdings gelernt, damit umzugehen. Als Kampf- und Testpilot blieben mehr oder weniger schwere Verletzungen eben nicht aus.
Genauso hatte er gelernt, mit vielen anderen Belastungen und teilweise sogar Qualen umzugehen. Ein Pilotentraining war nun einmal kein Spaziergang.
Und das Gespräch vor Jahren mit Dr. White ging ihm nicht aus dem Kopf. Wenn er endlich in das Astronautencorps aufgenommen wurde, würde er noch viel mehr über sich ergehen lassen und aushalten müssen.
Ausweichen würde er nicht, egal was von ihm verlangt wurde.
Schwester Suzan bot ihm Essen und Trinken an. Obwohl Rhodan nagenden Hunger verspürte, mochte er nicht. Zu stark waren die Schmerzen, die ihn trotz der Medikamente, die stetig in seine Vene liefen, plagten.
Gewaltsam zwang er sich trotzdem, ein Sandwich, das die Schwester richtig lecker mit Putenbrust, Käse, Tomate und Salat hergerichtet hatte, zu essen. Wahrscheinlich würde er in den nächsten Tagen noch alle Kraft brauchen.
So sehr er sich auch bemühte, die alles entscheidende Frage hämmerte immer wieder in seinem Kopf: Kann ich wieder fliegen?
Die Verletzung, die scheinbar aus einigen Knochenbrüchen bestand, schien dieses Mal ganz besonders zu sein. Weshalb sonst der Neurochirurg, obwohl er doch gar keine Kopfverletzungen hatte?
Nachdem die Schwester ihn verlassen hatte, grübelte er weiter und wurde immer unruhiger, so sehr er sich auch bemühte, dieses Gefühl zu unterdrücken.
Warum sagten die Ärzte ihm nicht, was wirklich mit ihm los war? Warum kam der Neurochirurg nicht wieder, wie er es versprochen hatte? Dauerte es so lange, die Fakten, von denen er gesprochen hatte, mit Dr. White zu besprechen?
Langsam sank Rhodan doch in einen leichten, unruhigen Schlummer.

*

Professor Johann Schröder hatte in den vergangenen Stunden Dinge erlebt, die er vorher nicht für möglich gehalten hätte. Nichts davon passte in das Bild, das er sich bisher von den militärischen Strukturen der Zeit nach dem Großen Krieg gemacht hatte. Er hatte bisher nur die Deutsche Wehrmacht gekannt. Besonders Dr. Ellen White gab ihm Rätsel auf. In ihr fand er eine Kollegin, die fachlich kompetent und in den militärischen Strukturen verwachsen war, genauso wie eine mütterliche, warmherzige Frau, die besonders Captain Rhodan in ihr Herz geschlossen zu haben schien.
Zuerst beunruhigte ihn das, weil er darin eine Vernachlässigung der von Ärzten geforderten Distanzwahrung sah. Aber je länger er mit ihr diskutierte und beriet, später auch zu dritt zusammen mit dem Unfallchirurgen aus Boston, erkannte er, dass diese Gefahr bei ihr nicht bestand.
Zunehmend interessierte ihn der Fall, für den man ihn um seine Hilfe gebeten hatte, nicht nur medizinisch, sondern menschlich. Ihm gefiel der junge Testpilot nämlich ebenfalls. Zu den Sternen fliegen – dieser große Traum der Menschen faszinierte ihn auch. Leider würde er selbst dafür nicht mehr in Frage kommen, dazu war er einfach zu alt und körperlich nicht fit genug.
Nun konnte er trotzdem dabei mithelfen, indem er – hoffentlich, wie er sich sagte – einem zukünftigen Astronauten dabei half, diesen Traum der Menschheit zu verwirklichen.
Als die Kollegin ihm nach Abschluss ihres Übersee-Gespräches mit Professor Newton verschmitzt lächelnd sagte: „Sie sollten nichts mit den Maßstäben messen, die Sie kennen, Professor Schröder. Wir alle sind Freiwillige, die ihren Vertrag aus freien Stücken unterschrieben haben. In den Staaten gibt es im Gegensatz zur Bundesrepublik Deutschland keinen verpflichtenden Wehrdienst.“

*

Perry Rhodan hatte es verstanden, sich gegen die Sanitäter durchzusetzen, die ihn an Bord des Air Force-Bombers holten sollten.
Nicht auf einer Krankentrage, wie den Männern befohlen worden war, sondern in einem Rollstuhl wurde er zur Maschine gefahren. Eigentlich hatte er zu Fuß gehen wollen, aber gegen seine Schwäche und die wahnsinnigen Schmerzen trotz der starken Medikamente hatte nicht einmal sein Trotz und sein eiserner Wille etwas ausrichten können.
Zum ersten Mal sah Rhodan die von ihm notgelandete X-15 nach dem Unfall. Das Raketenflugzeug war bereits wieder auf dem Rücken des Bombers verankert.
Glück gehabt, dachte er trocken. Der Vogel dürfte sich wieder instandsetzen lassen.
Es war bezeichnend für ihn, dass er an sich selbst im Moment nicht dachte. Ihm ging es um die Sache an sich und dafür waren die weiteren Tests mit dem Flugzeug enorm wichtig.
Eine Gestalt in einer Fliegerkombination, die gerade vom Rücken des Bombers kletterte, erregte seine Aufmerksamkeit. Sofort erkannte er ihn.
Joe! Klar, dass sie einen Piloten für den Vogel mitgenommen haben.
Nach dem Gespräch mit den Ärzten, auf dem er so schnell wie möglich bestehen würde, freute er sich auf ein Gespräch mit seinem besten Freund, den er auf der Kadetten-Akademie der Air-Force kennengelernt hatte.
Kent kam mit schnellen Schritten zu ihm heran: „Hallo, mein Freund! Beinahe hättest du den Vogel komplett geschrottet. Denkst du gar nicht mehr an mich? Ich will damit auch noch fliegen.“
Kein Wort zu der Notlandung an sich. Kein Wort dazu, dass er sehr großes Glück hatte, diese Landung nicht nur zu überleben, sondern das Raketenflugzeug auch noch wieder instandsetzungsfähig auf den Boden zu bringen. Das hätte gegen die ungeschriebenen Gesetze der Bruderschaft der Kampfpiloten verstoßen. Über solche Dinge redete man nicht.
Rhodan und Kent tauschten einen festen Händedruck aus. Der Blick aus den eisgrauen Augen Rhodans traf sich mit dem aus den dunkelblauen des Kameraden.
Sie verstanden sich sofort ohne Worte.
Rhodans Blick hieß: Wir müssen über eine wichtige Sache reden. Weißt du schon mehr?
Kents Blick antwortete: Ja, ich weiß schon mehr, habe Schweigebefehl, aber ich werde mich darüber hinwegsetzen!
„Ich bringe Captain Rhodan in die Klinik“, sagte Kent zu den beiden Sanitätern. Die blickten sich unsicher an.
„Das ist ein Befehl“, ergänzte Kent in deutlich schärferem Ton. Die Sanitäter grüßten wortlos und zogen sich zurück.
Die beiden Piloten waren Offiziere und infolgedessen befehlsberechtigt.
Rhodan atmete auf. Jetzt endlich würde er von seinem Freund offen und ehrlich erfahren, was Sache war.
„Ich habe nicht alles verstanden, was unsere gelehrten Mediziner diskutiert haben, aber wohl genug, um dir reinen Wein einzuschenken“, begann er und verstummte sofort wieder.
Vor ihnen auf dem Gang tauchten Dr. Ellen White und Professor Johann Schröder auf.
„Sie brauchen sich keine Mühe zu geben, Captain Kent. Darf ich Sie an meinen Befehl erinnern?“
Die vertraute Stimme der Ärztin klang scharf. Rhodan blickte sie offen an und sah in ihren Augen ein seltsames Funkeln, das er nicht zuordnen konnte.
Professor Schröder gab sich erst gar keine Mühe, seine Überraschung über ihn im Rollstuhl zu verbergen. Inzwischen hatte er den Arztmantel mit einer einfachen Luftwaffenkombination ohne Rangabzeichen vertauscht.
„Sie sollten im Bett liegen, Captain Rhodan.“
„Dazu habe ich aber keine Lust, Herr Professor. Ich fühle mich fit genug, um zumindest zu sitzen.“
„Am liebsten wären Sie sogar auf Ihren eigenen Füßen gelaufen. Ich kann es mir vorstellen.“ Schröder verstand sehr schnell. „Ich kann das nicht gutheißen. Deshalb bitte ich Sie, sich sofort wieder hinzulegen. In Ihrem eigenen Interesse. Meine Kollegin und ich werden gleich nach dem Start ausführlich mit Ihnen sprechen.“
„Professor Schröder“, begehrte Rhodan auf. „Ich sehe keinen Grund dafür, mich gleich wieder hinzulegen. Soweit ich es beurteilen kann, habe ich keine Beinverletzungen und kann also zumindest sitzen.“
Irgendwie reizte die Haltung des Professors, der es sicherlich nur gut meinte, ihn zum Widerspruch. Hinzu kam seine generelle Abneigung gegen Ärzte und alles, was mit ihnen zu tun hatte.
Schröder seufzte.
Ellen White lachte. „Willkommen an Bord, Perry“, sagte sie ruhig und ernst. Seit ungefähr zwei Jahren war es üblich, dass sie die beiden Piloten, die sie besonders gründlich betreute, mit ihren Vornamen ansprach. Die intensive Betreuung entsprach nicht nur ihren mütterlichen Gefühlen, sondern einem Sonderbefehl ihres obersten Vorgesetzten, der die beiden zukünftigen Astronauten bestmöglich vorbereitet wissen wollte.
„Wir begleiten Sie, meine Herren“, meinte Ellen. „Und dann, Perry, werden Sie sich sofort wieder ins Bett legen. Ist das klar, Captain Rhodan?“
„Ja, Ma’am.“
Rhodan hörte, dass die Maschinen des Bombers starteten. Es ging also los.

*

General Woodhower und Dr. Rapsten blickten in den Himmel und sahen dem Bomber nach, der langsam mit der beschädigten X-15 auf dem Rücken aufstieg.
„Weg sind sie“, meinte der General. „Ich hätte die X-15 gerne unter erfreulicheren Begleitumständen hier gehabt.“
„Dann hätten wir sie gar nicht zu sehen bekommen in diesem Überseenest“, meinte Dr. Rapsten. Er sah nachdenklich aus. „Ob sie den Jungen wieder hinbekommen?“
„Hoffentlich“, antwortete Woodhower. „Wo wir gerade dabei sind, Doc. Woher wussten Sie von Professor Schröder? Was haben Sie mit Neurochirurgie zu tun?“
„Gar nichts. Das ist es ja.“ Rapsten kratzte sich am Kopf. „Ich habe in einer Fachzeitschrift einen Artikel über Professor Schröders neuen Knochenzement gelesen.“

*

„Das größte Risiko ist die Wärmeentwicklung des Knochenzements bis zum völligen Aushärten. Und das vorübergehende Ungleichgewicht im Metabolismus. Dadurch kann es im Extremfall zum gefährlichen Blutdruckabfall oder einer Sauerstoffmangelversorgung kommen, die eine künstliche Beatmung zumindest vorübergehend erforderlich macht“, schloss Professor Schröder seinen ausführlichen, deutlichen und schonungslosen Vortrag. Rhodan hatte ihn gebeten, kein Blatt vor den Mund zu nehmen und ihn bis ins Detail zu informieren.
Zusammen mit Dr. Ellen White und ihm war noch sein Freund Joe Kent anwesend. Rhodan hatte darum gebeten und es gegenüber Professor Schröder ausdrücklich erklärt. Der deutsche Arzt nahm seine Schweigepflicht sehr ernst.
Zuerst musste Rhodan um seine Fassung kämpfen, obwohl er die Tragweite der Diagnose schon geahnt hatte nach dem für ihn merkwürdigen Verhalten aller Beteiligten. Dann wurde er eiskalt. Sein Gesicht spannte sich, wurde wieder zu der ausdruckslosen Maske. Die grauen Augen strahlten eine Kälte aus, vor der sogar Professor Schröder, der gerade als Neurochirurg viel gewöhnt war, kurz zurückgewichen war.
Niemand merkte, wie es in Rhodan brodelte. Noch nicht einmal Dr. White, die ihn immer wieder beobachtete und sehr gut kannte und einschätzen konnte. Rhodan bemühte sich, gelassen zu erscheinen. Er wollte ihr seine Gefühle nicht mitteilen! Das war eine Sache, die er mit sich allein ausmachen musste. Die Entscheidung war schon klar, eine andere gab es für ihn gar nicht.
„Das wäre es speziell zu der geplanten Operation“, beendete Schröder seine Aufklärung. „Ein weiteres Risiko gilt hier genau wie für jede andere große Operation: die Vollnarkose und die Dauer. Ich schätze sie auf mehrere Stunden. Captain Rhodan, haben Sie gesundheitliche Einschränkungen in dieser Beziehung, Kreislauf oder ähnliche?“
Rhodan holte tief Luft und setzte zu einer Erwiderung an, Dr. Ellen White musterte ihren Kollegen ungläubig. „Herr Kollege, Sie haben wirklich nicht viel mit Kampfpiloten zu tun. Ihre Frage betrachte ich als rein rhetorisch.“
Schröder überlegte einen Moment, dann zog ein verstehendes Lächeln über sein Gesicht.
„Dann stelle ich meine Frage ein wenig anders, Captain: Haben Sie bisher nach Vollnarkosen Schwierigkeiten gehabt, Unwohlsein oder ähnlich?“
Rhodan wurde nun wirklich ungehalten.
„Herr Professor, ich kann Vollnarkosen nicht ab, ich hasse sie. Genau wie ich Krankenhäuser hasse und Ärzten am liebsten sehr weit aus dem Weg gehe.“ Er wandte sich Ellen zu. „Auch Ihnen, werte Frau Doktorin, aber nur als Ärztin, nicht als Mensch.“
„Danke“, sagte sie nur trocken.
„Um es genau zu sagen, Herr Professor: Nach jeder Vollnarkose kotze ich mir die Seele aus dem Leib, je länger sie dauert, desto schlimmer ist es. Dass ich mich nicht darauf freue, können Sie sich sicherlich denken. Haben Sich noch weitere Fragen dazu?“
Professor Schröder war viel zu überrascht, um noch etwas zu sagen. Er schüttelte nur den Kopf.
Rhodan fühlte in sich keinerlei Empfindungen mehr. Seine Entscheidung stand, er wollte alles nur noch so schnell wie möglich hinter sich bringen.
„Also dann. Ich bin mit der Operation einverstanden. So schnell wie möglich.“ Seine Stimme war hart und befehlsgewohnt. Der deutsche Professor war so überrascht, dass er sich ohne Widerstand die Gesprächsführung abnehmen ließ.
Ellen White beobachtete nur lächelnd.
„Wie lange wird es dauern, bis ich wieder flugtauglich bin?“
„Captain Rhodan“, stammelte der Professor. „Ich möchte Ihnen wirklich nicht den Mut nehmen, aber eine solche Operation ist weltweit noch niemals durchgeführt worden. Wir wagen uns auf medizinisches Neuland.“
„Dann werden die Ergebnisse dieses Neulandes hoffentlich sehr bald vielen Patienten zugutekommen“, antwortete Rhodan. Ihm lagen immer Menschen mit ihren Sorgen und Nöten am Herzen.
„Wie lange also?“, wiederholte er mit immer schärfer werdender Stimme.
„Wenn alles wunschgemäß abläuft und es keine Komplikationen wie z.B. eine Allergie auf den Knochenzement, gibt ... bitte nageln Sie mich nicht fest ... werden Sie in ungefähr drei bis vier Monaten wieder im normalen Leben voll belastbar sein. Flugtauglich ... vielleicht ein dreiviertel Jahr.“
„Fast ein ganzes Jahr. Verdammt“, entfuhr es Rhodan. An ein Misslingen überhaupt zu denken, verbot er sich selbst.
Über Monate nicht in einem Jet zu sitzen und zu fliegen – allein das war für ihn schon unvorstellbar.
Blitzschnell überschlug er seine Chancen im Kopf. Ende nächsten Jahres, 1968, würde die X-15-Testreihe zu Ende sein. Zu dieser Zeit sollten Joe Kent und er zu den Belastungstests für die Astronauten.
Das war zu schaffen. Er warf einen kurzen Seitenblick auf Joe, der der ganzen Unterhaltung wie eine Statue gefolgt war.
Nun nickte er fast unmerklich. Damit war Rhodans stumme Frage beantwortet: Sein Freund würde in dieser Situation ebenso wenig zögern.
Ellen White blickte auf ihre Uhr. „Also dann geht es los. Perry, nichts mehr essen und nur noch klares Wasser trinken. Bis zwei Stunden vor der Landung. Dann gar nichts mehr.“
Rhodan lehnte sich zurück. Die Schmerzen wurden wieder stärker. Scheinbar ließ die Wirkung der starken Schmerzmittel nach.
„Ich weiß, Doc. Ist ja nicht zum ersten Mal.“
„Sie werden lernen müssen, damit umzugehen, Rhodan.“
Sie war plötzlich noch ernster als schon vorher.
Rhodan schloss die Augen. Zu genau wusste er, worauf sie hinauswollte. Ihn graute vor dem, was sie meinte. Aber er wollte zu den Sternen fliegen, um jeden Preis!
Immer wieder sagte er sich: Das kann keine Raumfahrt sein, das kann nur der Anfang sein. Und ich kann hoffentlich dazu beitragen, dass diese Anfangsphase schnell vorbei ist und die, die nach uns kommen, es leichter haben.
So wie in den Zukunftsserien, die gerade in Amerika und in Europa im Fernsehen gestartet waren und riesige Einschaltquoten erreichten.
Das war richtige Raumfahrt! Da hatten die Raumfahrer nicht mit ihrem eigenen Körper und ihrem schlechten Befinden durch Schwerelosigkeit oder Andruck zu kämpfen!
Aber ihm reichte es ihm Moment trotzdem. Er warf die Ärzte regelrecht raus und erklärte, mit Joe zusammen seine Erfahrungen vom Flug und der Notlandung auswerten zu wollen.
Das war für ihn wichtiger als über die ihm bevorstehende Operation zu spekulieren. Die Vorgehensweise war klar, darüber brauchten sie nicht mehr zu reden.
Außerdem – er war in dem Punkt ehrlich zu sich selbst – lenkte ihn die Arbeit ab.

*

Nach der Landung auf Edwards Air Base ging alles sehr schnell. Man ließ Rhodan, der die aufgezwungene Bettruhe trotz der immer stärker werdenden Schmerzen nur murrend ertrug, keine Zeit mehr, sondern schob ihn samt Bett direkt in den Vorbereitungsraum.
Allein schon die Luft in der Klinik, der Geruch, ging Rhodan gewaltig „auf die Nerven“.
Joe Kent verabschiedete sich vor dem Operationstrakt, in den er nicht hineindurfte, sehr ernst von dem Freund.
„Der Weltraum wartet auf dich“, sagte der Kamerad nur und drückte seine unverletzte Hand, dann wandte er sich brüsk ab und ging.
Eine Krankenschwester nahm ihn in Empfang und zog ihm, auch gegen seinen lautstark vorgebrachten, Protest, die Thrombosestrümpfe an.
„Ich gedenke nicht, nach der OP noch länger im Bett zu liegen. Schließlich habe ich keine Verletzungen an den Füßen.“
Gewohnt resolut, wie alle Air Force-Krankenschwestern, ließ sie sich auf nichts ein.
Dann kam schon der Unfallchirurg in Begleitung von Professor Schröder und Dr. Ellen White.
Der ebenfalls schon ältere Professor Newton stellte sich vor und wollte Rhodan noch einmal genau erläutern, wie er bei der Operation vorgehen wollte und welches Ergebnis er sich erhoffte.
Rhodan schnitt ihm mit einer Handbewegung und maskenhaft starren Gesicht mitten im Satz das Wort ab. Seine eisgrauen Augen brannten.
„Professor, bitte machen Sie sich keine Mühe. Die Erklärungen von Professor Schröder und Dr. White, die ich schon während des Fluges bekommen habe, reichen mir aus. Außerdem“, er unterbrach sich und ein zynisches Lächeln huschte über sein Gesicht, „habe ich keine andere Chance als diese Operation, wenn ich nicht meinen Abschied nehmen will.“
Rhodan horchte in sich hinein. Zunehmend fühlte er sich wie erstarrt. 
Hinter mich bringen – und dann raus hier – so schnell wie möglich! Das waren die einzigen Gedanken, die er noch hatte.
Und dann der Krankenhausgeruch – ihm wurde immer unwohler.
Professor Newton wollte etwas erwidern, aber sein deutscher Kollege warf ein: „Ich verstehe Sie sehr gut, Captain Rhodan.“ Mehr nicht. Nur sein forschender Blick gefiel Rhodan nicht. Den Neurochirurgen schien etwas zu beschäftigen, worüber er noch nichts sagen mochte.
Die Ärzte verabschiedeten sich und ließen an der Tür gleich den Narkosearzt herein.
Der grinste Rhodan nur an. Sie kannten sich schon länger. Schließlich war es nicht Rhodans erste Operation.
Dr. Snider nickte zur Begrüßung nur kurz mit dem Kopf und meinte mit der allen Militärärzten eigenen Direktheit und Raubeinigkeit, die bei ihnen Schutzreaktion für sich selbst waren: „Diesmal haben Sie den Vogel wohl abgeschossen, Captain Rhodan. Was halten Sie von Hausverbot in dieser Klinik?“
Rhodan stöhnte erleichtert und legte sich zurück. Dieser Ton tat ihm gut, viel besser als jedes Mitgefühl oder die „Milde“ der zivilen Professoren. Kurz, hart und direkt – so mochte er es.
„Sehr viel, Doc. - Wie lange wird es diesmal dauern?“
Dr. Snider wiegte unsicher den Kopf. „Sechs Stunden minimal, eher länger.“
„Verflucht“. Rhodan wusste zu genau, was auf ihn zukam bei dieser Zeitdauer in Vollnarkose.
„Irgendwann einmal wird die Medizin Narkosemittel entwickeln, die wirklich jeder Mensch verträgt, Captain. Aber das werden wir nicht mehr erleben.“
Wieso hatte Rhodan plötzlich den Eindruck, dass er das doch noch erleben würde? Unerklärlich!
„Ich könnte Ihnen nach der OP eine Magensonde legen, dann haben Sie es leichter.“
Rhodan winkte ab, so verlockend das Angebot war. Die Bemerkung von Dr. White ging ihm nicht aus dem Kopf, genauso wenig wie das Gespräch vor Jahren: Sie werden lernen müssen, damit umzugehen, Rhodan!
Mit der Raumkrankheit, über die so viel spekuliert wurde. Genau wussten es nur die Astronauten, die sie schon erlebt hatten. Noch nicht einmal die Weltraummediziner waren vollständig informiert, obwohl sie die Männer betreuten. Es gab eine Art ungeschriebenes Gesetz unter den Astronauten, über gewisse Dinge nicht zu ausführlich zu reden, weil man von den Medizinern nicht „ausgesondert“ werden wollte.
„Nein, Doc. Ich betrachte es als eine Art Übung für später.“
„Verstehe, Captain. Bereit?“
„Okay, Doc. Fangen Sie an.“
Rhodan schloss die Augen. Es ging los. Die Entscheidung über sein Schicksal für die nächsten Jahre begann genau jetzt.
Er versuchte, sich zu entspannen.
„Tief einatmen. Sie kennen das ja schon, Captain Rhodan.“
Ja, er kannte es viel zu gut. Der Narkosearzt presste ihm die widerliche Maske auf das Gesicht. Seine letzte Wahrnehmung war der Geruch des Narkosegases und das Gefühl der schon jetzt aufkommenden Übelkeit, dann schwand sein Bewusstsein.

*

Die Operation dauerte fast zehn Stunden. Rhodans Kreislauf hielt sehr gut durch und die Sauerstoffwerte im Blut blieben ebenfalls stabil.
Der Narkosearzt meinte nur: „Der Junge hat eine Bärenkonstitution. Traut man ihm gar nicht zu.“
Kaum einer wusste wirklich, wie zäh und widerstandsfähig dieser Mann war. Vor allen Dingen nicht, wie stark sein Wille war, nicht aufzugeben und das, was er einmal begonnen hatte, zu einem erfolgreichen Ende zu bringen.
Endlich richtete Professor Newton sich stöhnend auf.
„Fertig“, sagte er zu dem Assistenten. Das war für diesen das Zeichen, die Wunden zu schließen.
„Ich glaube, wir haben es geschafft“, sagte Professor Schröder erleichtert. „Wie sehen Sie die Aussichten, Herr Kollege?“
Der Unfallchirurg wiegte leicht den Kopf. „Noch ist es zu früh für Prognosen, aber ich habe ein recht gutes Gefühl. Wenn der Zement auch bei dieser großflächigen Anwendung so gut hält wie bei relativ kleinen Löchern in der Schädeldecke, dann hat der Mann eine sehr gute Chance.“
Er blickte auf das im Moment noch entspannte Gesicht des Piloten herab. Nachdenklich fuhr er fort: „Ich hoffe es für ihn. Nach dem, was man mir – allerdings sehr zögernd“, dabei warf er einen anzüglichen Seitenblick auf den Narkosearzt, die Assistenten und die Operationsschwester, „als Zivilist mitteilte, soll Captain Rhodan der beste Testpilot sein, den die Staaten im Moment haben und die Berufung in das Astronautenteam schon fast in der Tasche haben.“
Zusammen mit Professor Schröder verließ er den Operationssaal. Alles andere bis zum Aufwecken des Patienten war nicht mehr ihre Sache.
Draußen vor dem Waschbecken, nachdem beide ihre schmutzige OP-Kleidung bereits abgeworfen hatten, nahm Newton das begonnene Gespräch wieder auf. „Ich drücke alle Daumen für ihn. Denn ich mag mir nicht vorzustellen, was eine dauernde Fluguntauglichkeit für diesen Mann bedeuten würde. Irgendwie wird er damit klarkommen müssen. Aber so weit sind wir noch nicht.“
„Zum Glück, Herr Kollege“, meinte Schröder. Dabei dachte er daran, dass er sich fest vorgenommen hatte, ein ruhiges und ausführliches Gespräch mit diesem ungewöhnlichen Offizier zu führen. Er hatte, gerade weil sein Fachgebiet die Neurochirurgie war, einen ganz bestimmten Verdacht, über den er sich gerne vergewissern wollte. Falls Perry Rhodan überhaupt bereit war, seine Fragen zu beantworten.

*

Für Rhodan war es wie immer. Sofort beim Aufwachen aus der langen Narkose rebellierte sein Magen.
Über Stunden musste er immer wieder erbrechen. Unter heftigstem Würgen spuckte er nur noch bittere Galle.
Trotzdem lehnte er wieder den Vorschlag des Narkosearztes ab. Nicht, dass er Masochist war, ganz bestimmt nicht, aber er betrachtete das hier jetzt schon als eine Art Übung, mit den Symptomen der Weltraumkrankheit umzugehen. Aus den Andeutungen der Ärztin und den Gerüchten, die natürlich jeder im Pilotenkreis kannte, hatte er eine Vermutung abgeleitet, die – was er noch nicht wusste – der Wahrheit sehr nahekam.
Da alle Medikamente gegen Übelkeit, besonders die gegen Seekrankheit, die sich auch bei der im Prinzip gleichgelagerten Weltraumkrankheit bewährt hatte, starke Nebenwirkungen hatten, vor allen Dingen die Einschränkung der Reaktionsfähigkeit, wurden sie ungern genommen. Die Astronauten versuchten eher, trotz der Symptome zu arbeiten.
Und dazu gehörte nun einmal diese widerliche Sache.
Als endlich nach fast einem ganzen Tag die Übelkeit nachließ, stellte Rhodan erfreut fest, dass er bei den letzten Malen schon angefangen hatte, den Vorgang als „normal“ zu betrachten.
Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Immerhin ein kleiner Anfang.

*

Die schweren Brüche heilten so schnell, dass sogar die Ärzte staunten. Damit hatten sie nicht gerechnet.
Rhodan lief bereits am zweiten Tag nach der Operation, nachdem sein Magen sich wieder beruhigt hatte, in der Klinik herum. Am fünften Tag wurde er aus der Klinik entlassen.
Damit begann für ihn die Wartezeit, die ihm selbst unendlich lange vorkam. Er war nicht dienstfähig, auch nicht für den von allen Piloten so gehassten „Innendienst“. Da über seine weitere Verwendung erst entschieden werden konnte, sobald eine sichere ärztliche Prognose vorlag, bot man ihm Urlaub an.
Rhodan hätte jetzt entweder zu seinen Eltern fliegen können oder zu seinem Onkel Colonel Kenneth Malone.
Die Eltern schieden bei ihm aus. Er respektierte und achtete sie immer noch, aber bei ihnen war für ihn noch nie, auch nicht als kleiner Junge, das gewesen, was man gemeinhin „Zuhause“ nannte.
Sein Onkel führte im Moment das Astronautenteam zusammen mit seinem zukünftigen Nachfolger Lesly Pounder und arbeitete diesen ein.
Also wäre er entweder im Haus des Onkels, in dem sein Zimmer immer noch auf ihn wartete, allein gewesen mit der alten schwarzen Haushälterin oder in Nevada Fields, dem Standort des Astronautenteams, in einem Besucherquartier noch näher an seinen Träumen wie hier und das Abwarten wäre ihm noch schwerer gefallen.
Deshalb blieb er auf der Basis. Inzwischen bewohnte er ein eigenes, kleines Haus auf dem Air Force-Gelände, wie noch einige andere unverheiratete Offiziere. Den Haushalt führte eine ältere Haushälterin, die er sich mit einem anderen Offizier teilte.
Rhodan nutzte die aufgezwungene Ruhezeit zum Lesen und zum Lernen. Ihm fehlten, genau wie Joe Kent, immer noch die Abschlussprüfungen ihrer Studiengänge in Kernphysik und Astronautik. Beide sollten die Prüfungen noch während der letzten Monate der X-15-Testflugserie ablegen, bevor sie sich den Auswahltests als Astronauten stellten.
Beide Professoren blieben noch fünf Tage nach der schweren Operation, um ihren Patienten selbst zu betreuen, dann übergaben sie ihn die Obhut der Militärärzte. In drei Wochen wollte Professor Newton wiederkommen, um seinen Patienten erneut zu untersuchen und dann – so hoffte Rhodan inständig – schon eine erste Prognose abgeben zu können.
Professor Schröder nutzte die Tage, um seiner Vermutung nachzugehen. Dazu führte er zuerst ein Gespräch mit Dr. Ellen White, die ihm alle nötigen Informationen zur Verfügung stellte. Für die Fliegerärztin war das Interesse ihres Kollegen gerade aus dieser Fachrichtung ein Glücksfall, den sie unbedingt nutzen wollte.
Für alle verwunderlich: Rhodan unterhielt sich zwanglos unter vier Augen über dieses Thema, das er üblicherweise vermied, mit dem deutschen Professor. Schröder schaffte es mit einer ruhigen, verständigen und ein wenig väterlichen Art, die Sperre zu durchbrechen, die Rhodan vor seinem Innersten aufgerichtet hatte.
Ihm gegenüber gab Rhodan auch offen zu, dass sein neuer Instinkt ihm selbst noch fremd vorkam und er bisher noch nicht vollständig gelernt habe, damit umzugehen.
Nach dem Gespräch war endlich völlig klar, dass Rhodan über ein Naturtalent verfügte, der es ihm erlaubte, sofort aus gerade stattfindenden Ereignisse die richtigen Schlüsse zu ziehen und sie auch direkt umzusetzen, ohne erst darüber nachdenken zu müssen.
„Wir müssen uns vorstellen, dass das Gehirn dieses Mannes in Lichtgeschwindigkeit arbeitet, wenn ich es mal so ausdrücken darf. Er spürt gar nicht mehr, dass er nachdenkt und worüber er nachdenkt. Als ob er innerlich in einer anderen Zeit lebt.“
So lautete der Abschlussbericht, den er der weiterbehandelnden Flugärztin gab.
Schröder hob ein wenig hilflos wirkend die Schultern und starrte auf das verstörte Gesicht seiner Kollegin.
„Unvorstellbar eigentlich. Ich habe in der Fachliteratur nur davon gelesen, dass so etwas möglich sein soll. Captain Rhodan ist der erste Mensch, bei dem das wirklich erlebe. Ausnahmeerscheinung oder die normale Evolution des Homo sapiens – ich weiß es nicht. Im Moment tippe ich eher auf eine absolute Ausnahme. Könnte gut sein, dass Sie mit diesem Mann noch die eine oder andere Überraschung erleben werden.“
Einen Moment überlegte er, dann fuhr er fort: „Damit wir für das Phänomen auch einen Namen haben, schlage ich vor, wir bezeichnen ihn als Sofortumschalter.“
Seit dieser Einschätzung des deutschen Professor Johann Schröder wurde die Bezeichnung offiziell in die Personalakte von Perry Rhodan aufgenommen.
Professor Schröder erhob sich und verabschiedete sich von der Kollegin. Sie gab seinen Handschlag mit festem Druck zurück. „Danke, Herr Kollege. Sehen wir uns noch einmal?“
Schröder schüttelte ein wenig traurig den Kopf. „Ich glaube nicht, Frau Kollegin. Es hat mir sehr viel Freude gemacht, mit Ihnen zusammenzuarbeiten. Morgen fliege ich zurück nach Deutschland.“
Er verließ ihr Büro und dachte an das, was Rhodan ihm noch anvertraut hatte. Für ihn war es eine Frage des Vertrauens und des Anstands gewesen, das seiner Kollegin nicht zu sagen, obwohl sie die zuständige Ärztin war.
Rhodan hatte ihm anvertraut, warum er Krankenhäuser so hasste und warum er für sich selbst derartige Schwierigkeiten hatte, wenn ihm übel war.
Als kleiner Junge war er mit einer Blinddarmentzündung, die kurz vor dem Durchbruch war, ins Krankenhaus eingeliefert worden. Damals tobte noch der große Krieg in Europa und seine Eltern waren bei der Army in Übersee. Die Verwandten, bei denen Rhodan zu der Zeit wohnte, hatten seine Beschwerden nicht ernst genommen und ihn viel zu spät ins Krankenhaus gebracht. Sogar dort erkannte man erst nicht, wie kritisch der Zustand des siebenjährigen Jungen schon war, der sich die Seele aus dem Leib spuckte und vor Schmerzen wand.
Man war der Meinung, als Junge solle er sich nicht so anstellen.
Professor Schröder war der Ansicht, dass der Bericht über das Trauma eines kleinen Jungen nichts in der Akte eines Militärpiloten zu suchen hatte. Ihn wunderte es immer noch, dass Rhodan sich ihm anvertraut hatte, da sonst niemand aus einem Umkreis davon wusste.

*

Professor Newton reiste wie geplant drei Wochen später in der Edwards Air Base an.
Nach einer sehr gründlichen Untersuchung, mit der er nicht nur den Patienten Perry Rhodan, sondern alle anderen Ärzte und das medizinische Personal fast zur Verzweiflung trieb, erläuterte er seinen Befund. Außer ihm waren nur Rhodan selbst und Dr. White anwesend.
„Captain Rhodan“, Professor Newton räusperte sich, „ich kann es selbst kaum glauben, deshalb auch diese äußerst gründliche Untersuchung.“
Rhodan fühlte eine gähnende Leere in sich. Vor ihm schien sich ein riesiges Loch aufzutun. Jetzt ging es um alles. Von der Expertise dieses Mannes hing sein weiteres Schicksal ab.
Niemanden ließ er an seinen Gefühlen teilhaben, sein Gesicht war wieder die schon allen bekannte ausdruckslose Maske, während es in ihm brodelte.
„Der Knochenzement scheint ein wahres Wundermittel zu sein. Und Ihre wirklich außergewöhnliche Konstitution dazu. In meiner nun schon sehr langen Praxis habe ich noch nie derart schwere Knochenbrüche so schnell verheilen sehen.“
Er wandte sich Dr. Ellen White zu. „Ich empfehle noch Schonung während der nächsten beiden Wochen. Danach weitere Steigerung der physiotherapeutischen Übungen. Sie wissen ja ... Wenn keine Komplikationen auftreten, mit denen ich aber nicht rechne, können Sie diesen ungeduldigen jungen Mann in spätestens vier Monaten wieder in die Luft schicken.“
Mehr nicht. Rhodan dachte, die ganze Welt würde sich plötzlich in ein buntes, fröhliches Farbenmeer verwandeln.
Dass dieser Professor eine für ihn derart wichtige Sache einfach so wie beiläufig aussprach!
Er, der sonst für seine Beherrschung schon mehr berüchtigt als bekannt war, sprang auf und umfasste die Schultern des Chirurgen.
„Danke, Doc“, sagte er deutlich und sehr betont.
Dem Professor war das sichtlich unangenehm, denn er schüttelte den Kopf. „Ich habe nur meine ärztliche Pflicht getan, Captain Rhodan. Bedanken Sie sich lieber bei Ihrer eigenen Widerstandsfähigkeit und bei Professor Schröder. Ohne seine Hilfe wäre das nichts geworden.“
Rhodan wandte sich gerade seiner Fliegerärztin zu, als ihr Telefon klingelte.
„Natürlich, ich schicke ihn sofort zu Ihnen, Colonel Fiers.“
Sie deutete auf die Tür: „Ehe wir hier alle noch sentimental werden, Colonel Fiers erwartet Sie, Captain. Er hat auch noch eine Überraschung für Sie.“
„Ich habe Urlaub, soweit ich weiß, Ma‘am.“
Damit war er auch schon aus dem Zimmer und machte sich sofort auf den Weg zum Büro seines höchsten Chefs.

*

„Mr. Rhodan, Ihr Urlaub ist ab sofort aufgehoben.“
Colonel Fiers hob beide Hände, als Rhodan etwas sagen wollte.
„Ich weiß, dass Sie noch nicht wieder dienstfähig sind, aber das brauchen Sie für diese Sache auch nicht zu sein. - Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika besucht uns.“

*

Unter größten Sicherheitsvorkehrungen besuchte John F. Kennedy, der 35. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, die Edwards Air Force-Base.
Nach einem zwanglosen Mittagessen im Beisein aller Offiziere der Basis, um das der Präsident gebeten hatte, fand der Festakt im großen Saal statt.
Rhodan schluckte hart den Kloß in seinem Hals herunter. Es war so weit, er konnte nicht mehr ausweichen!
Obwohl er es nicht mochte, so in der Aufmerksamkeit zu stehen, behielt er seine Fassung. Niemand sah ihm die Erregung an, die in ihm tobte.
„Na los“, trieb ihn Joe Kent spöttisch an. „Und mach uns keine Schande. Schließlich kommt nicht jeden Tag der Präsident zu Besuch.“
Rhodan blickte an sich herunter, an seiner tadellosen Paradeuniform mit den scharfen Bügelfalten in der Hose.
Der Schlips war gewöhnungsbedürftig, gehörte aber nun einmal zur Ausgehuniform dazu. Im Dienst trug er nur seine normale Arbeitsuniform, die mehr eine zweckmäßige Kombination war, oder seine Flugkombinaton.
Zusammen gingen sie in den Festsaal und reihten sich in ihre Gruppe von Testpiloten ein.
Jeder von ihnen trug die Abzeichen, die für sie alle ihr Leben bedeuteten: das Kampfpilotenabzeichen und das Abzeichen der Testpiloten.
Wann wird das Astronautenabzeichen dazukommen?
„Meine Damen und Herren, der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika!“
Bei der Ankündigung des Protokollchefs sprangen alle Anwesenden von ihren Plätzen auf und nahmen Haltung an.
John F. Kennedy betrat lächelnd den Festsaal und stellte sich hinter einem der beiden Rednerpulte auf, das mit der Flagge der USA geschmückt war.
Hinter ihm kamen der Chef der Basis, Colonel Fiers, Rhodans Onkel Kenneth Malone, der inzwischen General war und ein großer, schwerer Mann, den Rhodan noch nicht kannte. Er vermutete, dass es General Pounder war.
Neben ihm ging Colonel Dr. Ellen White und hinter ihr der gesamte Stab der Basis.
Für Rhodan war es ein ungewohnter Anblick, die Ärztin, die ihm in den vielen Jahren öfter einmal die Mutter ersetzt hatte, in ihrer Paradeuniform zu sehen, zu der ein Rock gehörte. Sie schien sich selbst sichtlich unwohl zu fühlen. Auch sie trug sonst nur die bequemen Arbeitskombinationen oder ihren Arztkittel.
Präsident Kennedy nickte Fiers freundlich zu. „Bitte beginnen Sie, Colonel.“
Jeder wusste, dass er unter Zeitdruck war und noch am gleichen Abend zu einem anderen Termin erwartet wurde.
Colonel Fiers lächelte, als ob er einen „Schabernack“ plante.
„Mr. Rhodan“, begann er und winkte Rhodan nach vorne vor die Pulte.
Der kam der Aufforderung nach und salutierte respektvoll vor dem Präsidenten als seinem allerhöchsten Chef und seinem Kommandeur.
In ihm war alles wie abgestorben. Natürlich hatte Colonel Fiers ihm eine „Überraschung“ beim Besuch des Präsidenten angekündigt, aber sich zu weiteren Aussagen nicht bewegen lassen.
„Aufgrund Ihrer besonderen Verdienste auf dem letzten Testflug mit der X-15 befördere ich Sie außerplanmäßig zum Major der US Air Force. Herzlichen Glückwunsch, Major Rhodan!“
Rhodan meinte, im Boden zu versinken. Major! Die nächste Stufe auf der Rangstufenleiter. Obwohl das für ihn nicht das Wichtigste war.
Sofort verbot er sich selbst diesen Gedanken. Natürlich gehörte auch das dazu.
Als der Präsident ihn auch noch anlächelte, dachte er, seine Beine würden unter ihm nachgeben.
„Das war noch nicht alles, Major Rhodan!“
Präsident Kennedy ließ sich von seinem Stabschef eine kleine Schatulle reichen. Er öffnete sie und – hielt den Tapferkeitsorden der Vereinigten Staaten in der Hand!
Rhodan riss die Augen auf. Seine eisgrauen Augen funkelten. Es war einer der wenigen Momente, in denen jeder ihm seine Gefühle ansehen konnte.
Kennedy trat hinter seinem Pult hervor und heftete den Orden an die Brust des Piloten.
„Aufgrund Ihrer außerordentlichen Verdienste bei diesem Testflug, der Aufstellung eines neuen Geschwindigkeitsrekords und der Rettung des Raketenflugzeuges X-15 verleihe ich Ihnen den Tapferkeitsorden erster Klasse der USA.“
Er reichte ihm die Hand und Rhodan gab den festen Händedruck zurück.
„Major Rhodan“, ergänzte der Präsident so leise, dass in dem aufbrandenden Jubel niemand außer ihnen beiden es hören konnte: „Das ist nur ein ganz kleines Geschenk. Das größte Geschenk für Sie ist sicherlich die Tatsache, dass Sie lebend aus der Maschine herausgekommen sind und, so wie mir gesagt wurde, nach etwas Ruhe wieder voll flugtauglich sein werden.“
Perry Rhodan sah ihn erstaunt an. Er hatte nicht damit gerechnet, dass der Präsident persönlich sich so genau informieren würde.
„Ja, Mr. President“, sagte er genauso leise. „Ich möchte zu den Sternen fliegen.“
Kennedy lachte leise, ein sehr sympathisches Lachen. „Ich weiß, junger Mann. Vielleicht betreten Sie sogar als erster Mensch den Mond.“
Rhodan stockte der Atem. Daran hatte er bisher noch nicht gedacht bei all seinen Wünschen.
„Ja, der erste Mensch“, sagte er sehnsuchtsvoll. Das Wort Mensch betonte er so seltsam, dass Kennedy ihn aufmerksam musterte, dann aber doch nichts darauf sagte.
Alle wollten nun zu Rhodan und ihm gratulieren.
Joe Kent war der erste seiner Kameraden, der sich zu ihm drängte.
„Wenn jemand es verdient hat, dann du“, sagte er schlicht.
„Wir fliegen zusammen zu den Sternen“, antwortete Rhodan genauso einfach.
Da drängten sich schon sein Onkel Kenneth Malone und der General zu ihm durch. Dessen Namensschild an der Uniform bestätigte Rhodan, dass es sich um Lesly Pounder handelte.
Malone drückte seinem Neffen die Hand und stellte seinen Begleiter vor: „Das ist General Pounder, Major Rhodan. Er wird Anfang nächsten Jahres die Leitung der Space Force übernehmen.“
„Guten Tag, junger Mann“, begrüßte Pounder ihn und winkte ab, als Rhodan Haltung annehmen wollte. „Das ist heute Ihr Ehrentag, also bleiben Sie ganz zwanglos. Sie entschuldigen mich aber, ich muss die Gelegenheit nutzen und mit dem Präsidenten sprechen. Wir sehen uns spätestens Ende nächsten Jahres in der Space-Force wieder. Falls diese Medizinmänner bei den Tests etwas gegen Sie haben, rufen Sie mich an. Dann fahre ich mit denen Schlitten. Ich will Sie haben, Major Rhodan.“
Damit wandte er sich schon ab und drängte sich durch, bis er an dem Spalier der Sicherheitsleute des Präsidenten hängen blieb. Rhodan sah, wie er mit großartigen Gesten auf sie einredete.
„Er schafft es tatsächlich“, stellte Rhodan verblüfft fest. Der Präsident winkte seinen Leibwächtern und sie ließen General Pounder zu ihm durch.
Malone lachte. „So ist er nun mal. Sehr gut. Wir haben ganz große Pläne, Perry.“
Rhodan wurde ernst. „Ja, ich habe diverse Gerüchte gehört. Ist etwas dran, dass die Space-Force eine eigene Akademie zur Ausbildung von Astronauten haben will?“
Malone setzte sein undurchdringliches Dienstgesicht auf, aber seine Augen funkelten.
Rhodan kannte den Onkel, der ihm seit ihrer letzten Begegnung erschreckend gealtert vorkam, gut genug, um den Ausdruck der Augen zu interpretieren.
Das Gerücht war also wahr. Ob es allerdings Wirklichkeit werden würde – deshalb sprach General Lesly Pounder wohl gerade mit dem Präsidenten.

*

Am 15. November 1967 kam es zum ersten tödlichen Unfall mit einer X-15. Pilot war Captain Joe Kent.
Rhodan, der auf eigenen Wunsch schon wieder eingeschränkt Dienst tat, befand sich in der Leitstelle, die den Flug über die zahlreichen Relaisstationen verfolgte. So war er direkt dabei, als sein bester Freund über Alaska abstürzte, nachdem sein Triebwerk versagte.
Jeder hätte eine Reaktion von Rhodan erwartet. Und jeder wurde überrascht. Rhodan reagierte gar nicht. Mit versteinertem Gesicht erlebte er den Tod des Freundes mit. Major Rhodan kommentierte den Tod seines einzigen Freundes mit keinem Wort und arbeitete zusammen mit den Kollegen sofort an der Auswertung.
Seine Bewegungen machten den Eindruck einer aufgezogenen Holzpuppe.
Die Meinungen der Kameraden und Vorgesetzten über sein Verhalten waren unterschiedlich. Die meisten bewunderten ihn für die vorbildliche Haltung, die er zeigte, gerade weil bekannt war, wie tief die Freundschaft zwischen ihm und Joe Kent gewesen war.
Die Trauerfeier fand im großen Festsaal der Edwards Air Base statt, in dem gleichen Saal, in dem Rhodan vor ein paar Wochen erst zum Major befördert worden war und aus der Hand des Präsidenten die Tapferkeitsauszeichnung erhalten hatte.
Rhodan hielt die Trauerrede. Mit fester Stimme, der keine Gefühlsregung anzumerken war, lobte er die Verdienste von Captain Joe Kent für die US Air Force.
Anschließend sprach er Joes Eltern, die extra angereist waren, sein ganz besonderes Beileid aus.
Jeder im Saal bewunderte den hochgewachsenen, schlanken Major mit dem maskenhaft starren Gesicht und den eisgrauen Augen.

*

Colonel Fiers und Dr. Ellen White trafen sich im Büro des Colonels.
„Sie wollten mich sprechen, Doc?“, kam Fiers sofort zur Sache.
„Ja, Sir. Was machen wir jetzt mit Major Rhodan? Ich glaube, er braucht Abstand. Wir sollten ihn erstmal woanders hinschicken.“
Fiers lächelte hintergründig. „Was Sie nicht sagen, Doc. Er muss immer noch seine Studienabschlüsse in Kernphysik und Astronautik machen. Was halten Sie von der Sorbonne in Paris? Ein wenig Studentenleben tut ihm bestimmt gut …“

*

In Paris begegnete Perry Rhodan zum ersten Mal Atlan ... 



Anmerkungen der Autorin:
Die Daten über die Testflüge der X-15 und die amerikanischen Basen sowie die Verhältnisse im Kalten Krieg der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts entsprechen weitgehend der Realität.

Ebenso die medizinischen Daten. Der Knochenzement, von dem hier die Rede ist, wurde tatsächlich in dieser Zeit entwickelt. Heute werden Knochenbrüche standardmäßig in dieser Weise operativ versorgt.

Die Daten über Präsident Kennedy habe ich nicht der realen Zeitgeschichte, sondern der Perrypedia entnommen. 


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Das Copyright für die PERRY RHODAN-Serie liegt

beim Pabel-Moewig Verlag, Rastatt.


Mit freundlicher Genehmigung.









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