Donnerstag, 26. April 2018

STARBURST




Auf dem Raum & Zeit Continuum in Braunschweig am 14. und 15. April habe ich erstmals den endgültigen Titel meines Romans vorgestellt.
Ihr kennt ihn unter dem Arbeitstitel „Zeitbombe Erde“.
Der Veröffentlichungstitel lautet:

STARBURST


Auf Wunsch vieler Teilnehmer stelle ich hier den Text meines Vortrags zum ruhigen Nachlesen ein.
Es ist eine gekürzte Fassung der ersten Kapitel, die dem Leser einen Eindruck des Romans vermitteln sollen.

Ich wünsche Euch viel Freude beim Lesen und freue mich natürlich über Feedback: 



1

Strafversetzung

Büro des Kommandeurs der US Star-Force,
Washington D.C. – 13. Juni 2145 n.Chr.

„Sie verdammter kaltschnäuziger Indianer! Haben Sie noch alle Sinne beisammen oder sind Sie einfach nur unverschämt?“
Oberst Patrick Ford stand in lockerer Haltung vor dem Schreibtisch seines obersten Vorgesetzten, General Jonas Thomsen, dem Chef der US Star-Force. Er ließ sich nicht die kleinste Gefühlsregung anmerken. Ein außenstehender Beobachter wäre nie auf die Idee gekommen, dass dieses Gespräch über seine weitere militärische Zukunft entschied.
Ganz im Gegensatz dazu General Thomsen. Sein Gesicht war hochrot, seine Körperhaltung glich einem sprungbereiten Tiger. Er stand hinter seinem Schreibtisch und musterte den Piloten vor sich mit einem Blick, der andere Personen äußert unruhig gemacht hätte.
Nicht so Ford. „Sir, ich habe sehr wohl meine Sinne beisammen. Ob ich unverschämt bin – das überlasse ich Ihrer Beurteilung und der des Präsidenten. Ich habe lediglich meine Meinung gesagt und stehe nach wie vor dazu.“
„Dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gegenüber, dem Führer des westlichen Bündnisses – mit anderen Worten: dem mächtigsten Mann der Welt.“ Thomsens Stimme wurde lauter, er konnte sich kaum noch beherrschen.
„Richtig, Sir. Das hindert ihn aber nicht daran, in militärischen Angelegenheiten ein kompletter Idiot zu sein. Wenn wir nach seinen Vorschlägen weiterhin im Asteroidengürtel auf die Suche nach angeblichen asiatischen Raumschiffen gehen, werden wir nur noch mehr Kameraden sinnlos in den Tod schicken. – Nicht mehr und nicht weniger habe ich ihm gesagt. Schließlich hatte er mich nach meiner Meinung gefragt.“
Immer noch ließ er sich selbst keine Emotion anmerken. Dabei kochte es innerlich in ihm. Er wusste sehr genau, dass er haarscharf vor einer unehrenhaften Entlassung stand. Aber seine indianische Selbstbeherrschung, zu der seine traditionellen Lehrer ihn von frühester Jugend an erzogen hatten, ließ ihn äußerlich völlig ruhig bleiben. Nur jemand, der ihn genau kannte, bemerkte die winzige Anspannung seiner Muskeln und die leichte Blässe unter seiner dunkelbraunen Haut.
General Thomsen kannte ihn sehr genau. Trotzdem hütete er sich, diesen Punkt anzusprechen. Er wusste ebenso genau, wie empfindlich Ford in diesem Punkt war. Bereits mehrfach hatte Thomsen festgestellt, was dieser Pilot unter indianischem Kriegerstolz verstand.
Patrick Ford war Lakota-Indianer, aufgewachsen in einem der ärmsten Gebiete Nordamerikas, der Siedlung Pine Ridge, die im offiziellen Sprachgebrauch immer noch als „Reservation“ bezeichnet wurde. Was sie de facto war. Offiziell verwalteten die Indianer aller Reservationen sich zwar schon seit Jahrzehnten wieder selbst – standen aber nach wie vor unter strenger Kontrolle des „Büros für indianische Angelegenheiten“ in Washington.
Als einer der wenigen Indianer, die sich heute überhaupt noch dazu bereitfanden, hatte er gleichzeitig zu seiner normalen Schulausbildung die traditionelle Ausbildung eines Kriegers genossen und mit der uralten Kriegerprobe abgeschlossen. Die Ausbildungsmethoden mochten einem modernen Menschen hart und unmenschlich vorkommen, Ford hatten sie die nötige Härte, das Selbstbewusstsein und eben diesen indianischen Kriegerstolz mitgegeben, die er dringend brauchte, um es im „weißen“ Militär zum Offizier zu bringen.
Patrick Ford war 38 Jahre alt, erfahrener Kampfpilot und mehrfach wegen Tapferkeit ausgezeichnet, zuletzt vom Präsidenten persönlich.
Die kleinste Bewegung verriet seinen hervorragenden Trainingszustand und seine Reaktionsfähigkeit. Er war hochgewachsen und sehnig, überragte den etwas untersetzten Thomsen um gut eine Kopflänge.
Das blauschwarze Haar trug er halblang bis auf den Kragen seiner dunkelblauen Uniform. Sein Gesicht war dunkelbraun und die schwarzen Augen glühten in einem Glanz, dem viele Menschen gerne auswichen. Oft hatte man hinter vorgehaltener Hand über gewisse „hypnotische Fähigkeiten“ spekuliert. Dabei beherrschte er lediglich die Fähigkeit der alten Kriegshäuptlinge, ihre Krieger mit Gesten und Blicken zu dirigieren. Er sprach mit den Augen, wie man in seinem Stamm sagte.
Diese Gabe, vor der die Weißen Angst hatten, galt in seinem Volk als „eines Häuptlings würdig“ und brachte ihm entsprechende Achtung ein.
„Was würden Sie an meiner Stelle mit einem Mann wie Ihnen machen, Ford?“, fragte Thomsen gefährlich ruhig.
Nun lächelte Ford ganz leicht. Er kannte seinen Chef ebenfalls sehr genau. Und wusste, was er ihm verdankte. Seine Unbotmäßigkeit gegenüber dem Präsidenten war nicht der erste „Ausrutscher“ dieser Art. Grundsätzlich hatte er eine sehr individuelle Art, Befehle zu interpretieren und sich seinen Vorgesetzten gegenüber zu verhalten. „Kaltschnäuziger Indianer“, wie Thomsen ihn zum Beginn der Unterhaltung genannt hatte, war sogar eine der harmloseren Bezeichnungen, mit denen man ihn bedachte.
Wäre er nicht ein so guter Kampfpilot und Einsatzleiter, hätte er seine Karriere bei der Star-Force schon lange zwangsweise beendet. Aufgrund der seit Jahrzehnten durchgehend angespannten weltpolitischen Lage kam es immer wieder zu militärischen Auseinandersetzungen. Niemand konnte es sich leisten, auf wirklich gute Piloten zu verzichten. 

*

„An Ihrer Stelle würde ich mir einen strengen Verweis erteilen, diesen der umfangreichen Liste der schon erteilten Rügen hinzufügen – und danach zur Tagesordnung übergehen.“
Thomsen holte tief Luft und stieß sie heftig wieder aus.
„So, das täten Sie an meiner Stelle?“
„Ja, Sir. Was sonst? Oder wollen Sie noch mehr Kameraden in den Asteroidengürtel schicken und sie als Gefallene wiedersehen?“
Thomsen kam hinter seinem Schreibtisch hervor und begann in seinem Dienstzimmer auf und ab zu gehen.
„Natürlich nicht“, meinte Thomsen leise. Er ließ sich durch Fords Art schon lange nicht mehr provozieren.
Abrupt blieb er vor Ford stehen und deutete endlich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Ford nahm die Einladung wortlos an und wartete geduldig. Seine ganze Haltung wirkte wieder aufreizend lässig.
„Dann werde ich Ihnen sagen, was der Präsident verlangt.“ Thomsen betonte jedes einzelne Wort sehr deutlich.
„Ich soll Sie unehrenhaft aus der Star-Force entlassen, natürlich nachdem ich Sie degradiert und der rituellen Bestrafung unterworfen habe.  Und er verlangt, bei der Bestrafung anwesend zu sein. Was sagen Sie dazu, Oberst Ford?“
„Nichts. Denn Sie werden mir sagen, was Sie daraus machen.“
Ford war völlig klar, dass Thomsen ihn dieses Mal nicht vor einer Strafe bewahren konnte. Schließlich ging es um den Präsidenten der USA höchstpersönlich, dem er auf dessen Frage unverblümt gesagt hatte, dass er die Kameraden ohne Sinn und Verstand ihn den Tod schickte.
Zwar glaubte er nicht, dass Thomsen ihn entließ, aber viel Spielraum schien er trotzdem nicht zu haben. Scheinbar wollte Präsident Brighton ihn, Ford, unter der Nervenpeitsche vor Schmerzen schreien hören. Weil er Indianer war – Brighton stammte aus den Südstaaten der USA, hasste alles, was farbig war – und versteckte diese Einstellung in keiner Weise.
Nur – diesen Gefallen würde er ihm nicht tun. Brighton und andere unterschätzten immer noch, was ein Indianer aushalten konnte.
Seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts hatte man in allen Waffengattungen das uralte Strafritual der Auspeitschung wieder eingeführt, sogar für Offiziere.
„Ja, ich sage es Ihnen, Ford. Indem ich Ihnen empfehle, sich freiwillig zum Mars melden. Sie müssen erstmal von der Erde verschwinden, bis Gras über die Sache gewachsen ist.“
„Oh.“ Nun war Ford doch erstaunt.
Auf dem Mars waren Basen aller drei Machtblöcke. Der Planet war genau wie der Mond besiedelt und unter den Nationen aufgeteilt. Weiter waren die Menschen in ihrem Sonnensystem noch nicht vorgedrungen. Zumal eine unbekannte Gefahr im Asteroidengürtel lauerte. Bisher waren dort alle amerikanischen oder russischen Raumschiffe verloren gegangen. Deshalb machte man im Moment die Asiaten dafür verantwortlich, zumal diese keine eigenen Forschungsschiffe auf den Weg schickten.
Während der amerikanisch-europäische Machtblock und der Ostblock sich langsam annäherten, verschärften sich die Feindseligkeiten mit dem Asiatischen Block immer mehr.
Für den Dienst in den Außenbasen wurden nur handverlesene Offiziere und Soldaten ausgewählt und nur Freiwillige. Gerade von den Offizieren, besonders dem Kommandeur, wurde verlangt, dass er die Nerven behielt und im entscheidenden Moment das Richtige tat. Es war ein genauso verantwortungsvoller wie äußerst gefährlicher Dienst – und ein einsamer. Bisher gab es keine Probleme. Besonders die besten Piloten der Star-Force meldeten sich, weil sie genau wussten, was von ihnen verlangt wurde und wie gefährlich der Job war. Gerade das reizte diese Adrenalin-Junkies, wie man sie immer noch nannte.
Ford hatte schon länger zum Mars wollen, aber Thomsen hatte ihn als Staffelkommandeur auf der Erde gebraucht. Am Mars reizte ihn nicht nur die Gefahr, sondern das ganz besondere Verhältnis der Menschen untereinander über die nationalen Grenzen hinweg.
Schon kurz nach der ersten Besiedlung hatten die Menschen, die dort draußen lebten und arbeiteten, erkannt, dass es nur gemeinsam ging. Nationale Unterschiede oder Streitigkeiten hatten hinter den Gefahren, die die tägliche Arbeit und der Weltraum bargen, zurückzustehen. Man respektiere sich untereinander und schloss sogar persönliche Freundschaften. Die Regierungen auf der Erde sahen das nicht gerne, aber solange sie sicher sein konnten, dass die Freunde von gestern im Kriegsfall heute ohne Zögern aufeinander schossen, kümmerten sie sich nicht weiter darum.
Für Befehlshaber wie General Thomsen gehörten diese besonderen Umstände zu den Grundpfeilern ihrer geheimen Pläne.
„Einverstanden?“, fragte Thomsen, nun wieder völlig ruhig. Er hatte seiner Wut Luft gemacht – damit war die Sache für ihn erledigt.
„Selbstverständlich, Sir. Wann soll die rituelle Bestrafung stattfinden?“
Thomsens Blicke schienen ihn durchbohren zu wollen.
„Gar nicht, Oberst Ford.“
„Ich verstehe nicht, Sir.“
„Ganz einfach. Weil ich Sie sofort zum Mars schicke. Dort lösen Sie Oberst Shade als Kommandeur der 1. Staffel und damit der Basis ab. Sie kennen die Geheimdienstnachrichten so gut wie ich. Wir müssen leider jeden Tag mit der nächsten Krise rechnen – und vielleicht sogar wirklich mit einem Kriegsausbruch. Ich kann es mir nicht leisten, einen Kommandeur dort oben zu wissen, der vor Schmerzen kaum in seinen Jäger hineinkommt. In diesem Zustand können auch Sie nicht kämpfen!“
„Sir, ich bin kein Feigling, der vor ein paar Schlägen ausweicht.“
Ford fühlte sich gegen besseres Wissen in seiner Ehre gekränkt.
Thomsen schüttelte bedächtig den Kopf. „Dieses Mal müssen Sie ihren Kriegerstolz zurückstellen, Häuptling. Ihre Tapferkeit steht außer Frage, aber ist im Moment fehl am Platz. Ich brauche Sie dort im Vollbesitz Ihrer Kräfte. Haben Sie das verstanden?“
Ja, Ford hatte verstanden. Für ihn hatte das Kommando nicht den Geschmack einer Bestrafung, sondern einer Auszeichnung.
„Ja, habe ich, Sir. Wie wollen Sie das dem Präsidenten gegenüber legitimieren? Für mich ist das eher eine Auszeichnung.“
Thomsen grinste zynisch. „Das lassen Sie meine Sorge sein. Ich werde es ihm schon entsprechend verkaufen. Er wird auf sein Vergnügen verzichten müssen. Ich lasse nicht zu, dass er seine narzisstische Persönlichkeit auf Kosten meiner Leute auslebt. Dieser Mann wird, wenn wir nicht aufpassen, irgendwann unsere ganze Welt in Brand stecken.“
Thomsen verzog das Gesicht. Deutlich sah Ford den Hass. Er kommentierte den Ausspruch nicht. Sie wussten beide zu gut, wie die Tatschen lagen.  
„Im Prinzip haben Sie mir sogar einen Gefallen getan, Ford. So kann ich Sie ohne Aufsehen dort hinschicken. Um Ihre Sachen kümmert sich Ihr Dienstroboter. Sie werden mit der nächsten planmäßigen Fähre nachgeschickt. Aber Sie nehmen Ihren neuen Adjutanten gleich mit.“
„Wen, Sir?“
„Leutnant Myers, Ihren bisherigen Ordonnanzoffizier. Er ist doch Verwaltungsspezialist, oder täusche ich mich? Und als Kommandeur brauchen Sie einen Adjutanten. In Ordnung für Sie?“
Ford entspannte sich ein wenig.
„Sehr, Sir. Danke.“
Mit Leutnant Myers verband ihn seit vielen Jahren Freundschaft. Sie hatten sich unter tragischen Umständen in Pine Ridge kennengelernt. Seitdem begleitete der Schwarzamerikaner ihn als Ordonnanzoffizier auf seinem Weg. Myers war inzwischen 64 Jahre alt. Sie verband mehr ein Vater-Sohn-Verhältnis. Es gab nichts, was Myers nicht von ihm wusste. Ford vertraute ihm in jeder Beziehung. Auch für einen so eiskalten Kämpfer wie Patrick Ford gab es Situationen, in denen er die Gesellschaft eines verständnisvollen Menschen gut brauchen konnte.
Der Lakota stand auf und wollte sich verabschieden. Thomsen stand ebenfalls auf, aber hielt ihn mit einer Handbewegung noch auf.
„Oberst Ford“, sagte er sehr langsam und deutlich betont. „Sie erhalten hiermit von mir, Ihrem Oberkommandierenden, im Interesse der gesamten Menschheit folgenden Geheimbefehl: Im Falle eines Kriegsausbruchs haben Sie zusammen mit den Russen sofort die asiatische Basis einzunehmen und zu sichern. Versuchen Sie, Tote und Verletzte möglichst zu vermeiden. Unabhängig davon ist es Ihre Entscheidung, den asiatischen Kommandeur Li-Tsun zu eliminieren, falls er nicht kooperieren will. Wie Sie wissen, rechnen wir mit einer radioaktiven Verseuchung der Erde auf Jahrhunderte. Eventuell bricht der Planet sogar auseinander. Die entsprechenden Wahrscheinlichkeitsrechnungen kennen Sie.
Sie haben die Aufgabe, das Überleben und den Neuanfang der Menschheit sicherzustellen. Wir werden versuchen, so viele Spezialisten wie möglich von der Erde zu retten und zu Ihnen zu schicken. Nehmen Sie sie auf und geben Sie ihnen eine neue Heimat, unabhängig ihrer Nationalität.
Kümmern Sie sich nicht um Befehle, die Sie von der Erde erhalten, auch nicht um die des Präsidenten persönlich. Handeln Sie ausschließlich im Sinne dieser Anweisung und tun Sie das, was Sie selbst für richtig halten.
Der russische Kommandeur Oberst Termikow erhält in diesen Minuten den identischen Befehl von seinem Oberbefehlshaber Marschall Petronski. Wir legen das Überlegen der Menschheit in Ihre Hände.“
Ford schwindelte nun doch. Unwillkürlich ballte er die Fäuste zusammen und löste sie dann wieder. Ihm war klar, was dieser Befehl bedeutete. General Thomsen rechnete mit dem Allerschlimmsten.
Zum Glück gab es auf dem Mars keine langen Dienstwege. Oberst Vladimir Termikow, der Kommandeur der russischen Basis war schon lange sein persönlicher Freund – der einzige, den er außer Leutnant Bob Myers, der mehr wie ein Vater für ihn war, hatte.
Er und Termikow verstanden sich. Von daher würde es garantiert nicht zu einem Missverständnis kommen.
Konnte es eventuell sogar sein, dass Thomsen selbst dem Präsidenten vorgeschlagen hatte, ihn, Ford, um seine Expertise zu bitten? Der General wusste sehr genau, wie er gerade auf diese Frage reagierte – und dass er sich Vorgesetzten gegenüber kaum einmal zurücknahm.
Thomsen beherrschte das Intrigenspiel der Politik in virtuoser Weise. Wie es schien, wollte er ihn unbedingt auf dem Mars haben. Aber es war ihm eigentlich egal. Das Mars-Kommando war für ihn die Erfüllung seiner Träume.
Thomsen bot ihm die Hand. Ford schlug sein. Sehr ernst sagte er: „Sie können sich auf mich verlassen, Sir. Ich bin mir der Verantwortung bewusst.“
Mehr gab es nicht zu sagen.
Ford salutierte noch einmal militärisch korrekt.
An der Tür hielt Thomsen ihn ein letztes Mal auf: „Passen Sie auf sich auf, Patrick. Tote Raumoffiziere sind keine guten Offiziere … - genauso wenig wie tote Kriegshäuptlinge.
Ford grinste ironisch. Er hatte ganz bestimmt nicht vor, sein Leben schon zu beenden.

*

Patrick Ford übernahm planmäßig das Kommando über die Neil-Armstrong-Basis auf dem Mars.

*****

2

Atomalarm

Der Rohrbahnzug schoss aus dem Verbindungsschacht und hielt direkt neben der Hangarplattform, auf dem die startbereiten Jäger standen.
Ford sprang aus dem Zug und gönnte seinem Adjutanten Leutnant Myers nur einen kurzen Blick und ein sehr ernstes Kopfnicken. Der Adjutant wusste genau, was er im Katastrophenfall zu tun hatte.
Der Lakota schlüpfte aus seiner Dienstuniform und in die Flugkombination, die ein Dienstroboter ihm hinhielt.
Mit einigen langen Sprüngen war er bei seinem Jäger. Der kommandierende Hangaroffizier meldete den gerade startklar. Ford nickte und kletterte wortlos hinein.

*

Ford nahm aus seinem Jäger die Klarmeldungen der einzelnen Stationen entgegen. Seine Stimme strahlte die Autorität und Ruhe aus, die seine Leute jetzt brauchten und von ihm erwarteten. Ford wusste, dass sein Verhalten ausschlaggebend für deren Reaktionen war.
Wie immer in solchen Momenten fühlte er sich nicht mehr als Offizier der Space-Force, sondern als Kriegshäuptling. Für ihn machte das einen gewaltigen Unterschied aus.

*

„Danke“, sagte Ford nach der letzten Meldung. „Bis jetzt wissen wir nicht, warum die Mobilmachung befohlen worden ist. Das ist im Moment auch nicht relevant. Wir sind hier, weil wir eine Aufgabe zu erfüllen haben. Ich weiß, dass die Ungewissheit über das Schicksal Ihrer Familien Sie belastet. Es mag ein schwacher Trost sein, aber im Moment sind wir alle hier eine Familie, die in jeder Lage zusammenhalten muss – und das sollten Sie sich immer wieder vor Augen halten. Mit anderen Worten: Ich erwarte, dass Sie ihre Pflicht als Offiziere und Soldaten tun.“
Kurz dachte er daran, dass seine Familie im Moment wirklich die Space-Force war. Auf seinen Vorgänger warteten genauso wie auf seinen Freund Termikow Frau und Kinder. Er mochte sich nicht vorstellen, wie sie sich jetzt fühlen mussten.

*

Ford hatte über Kommandeursfunk alle Verbindungen gleichzeitig auf seinen Bildschirmen im Instrumentenpult des Jägers.
Er sah die offenen Schlünde der Abschussanlagen der tödlichen Atomraketen auf der Erde genauso wie die zugehörigen Befehlszentralen. Außerdem seine eigene Zentrale und jeden seiner Piloten. Deutlich sah er die Anspannung in den Augen. Sie waren das Einzige, was unter der Maske vom Gesicht zu sehen war.
Ein Funkanruf überlagerte alle anderen Sendungen. Er trug die Kennung des Hauptquartiers.
General Thomsen erschien auf dem zugehörigen Bildschirm. Sein Gesicht war leichenblass, die Augen strahlten eine unerbittliche Härte aus. Ford wusste, was das bedeutete. Thomsen hatte eine Entscheidung getroffen und würde diese mit Gewalt durchsetzen, wenn es nötig war.
Thomsen hielt sich nicht mit Höflichkeitsfloskeln auf. Er ließ den Kanal auch nicht mit einem Sperrcode absichern. Das nun folgende Gespräch sollten alle mithören. Es war reine Psychologie für die Soldaten.
Ford wusste das und ging sofort auf das Spiel ein.
„Alles planmäßig bei Ihnen, Ford?“, fragte Thomsen kurz.
„Zu unserem und Ihrem Glück“, bestätigte Thomsen. Er wirkte plötzlich erleichtert, obwohl er immer noch ernst war. „Ich danke Ihnen und ich verlasse mich auf Sie und Ihre Leute. Sie alle wissen, was wir unserem Vaterland schuldig sind. Wir werden Amerika zu schützen wissen. – Viel Glück, Häuptling.“
„Ihnen ebenfalls, Sir.“
„Passen Sie auf sich auf. Wir brauchen Sie und Ihre Leute noch.“
„Keine Sorge, Sir. Ich habe nicht vor, meine Leute zu verlieren oder selbst ums Leben zu kommen.“
Ford hoffte, dass die Botschaft in diesen paar Sätzen auch für seine ihm neu unterstellten Leute deutlich genug war. Sie hatten ihr Leben ihm anvertraut und er würde alles ihm Mögliche tun, um sie lebend aus dieser Krise zu holen.

*

Ein paar Minuten später sah Ford auf dem Bildschirm, der Washington D.C. zeigte, wie die spitzen Nasen der Raketen sich aus den offenen Abschussröhren schoben. Die nächste Stufe der Eskalation.
Ein weiterer Bildschirm leuchtete auf. „Lassen Sie mich rein, Oberst“, meldete die Chefärztin der Space-Force sich an.
Ford seufzte. Die Frau war für ihn ein Rätsel. Burschikos, ein Mannweib in ihrem Auftreten, war sie eine Ausnahmeärztin, der er schon mehrfach sein Leben verdankte. Als Offizierskollegin und intellektuelle Gesprächspartnerin war sie für ihn eine gute Freundin – obwohl sie ihn als Frau überhaupt nicht reizte. Vielleicht gerade deshalb.
Warum reizte sie ihn nicht? Zu wenig Figur, zu schlechtaussehend, zu erfolgreich, zu unfeminin in ihrem Verhalten? Das war wohl der hauptsächliche Grund. Ohne dass er sagen konnte, warum, hatte er immer das Gefühl, sie sähe Frauen grundsätzlich als den bestimmenden Teil an. Was wiederum total gegen die patriarchalische Denkweise verstieß, in der er erzogen worden war.
Katzenhaft kletterte sie in die Kanzel. Sie trug ebenfalls eine Flugkombination, hatte aber keine Maske auf. Er sah ihr Gesicht. Es war gerötet. Sie war offensichtlich wütend, um nicht zu sagen, stinksauer. Eine Strähne ihres modisch kurz geschnittenen, mahagonifarbenen Haares fiel ihr in die Stirn. Sie lockerte die Strenge ihres Gesichtsausdrucks etwas auf.
„Wann hat das endlich ein Ende?“, fluchte sie.
Ford grinste leicht. Das war typisch für Doc Simons. Sie nahm kein Blatt vor den Mund. Er sparte sich die Antwort. Sie bestand auch nicht darauf, dafür kannten sie sich beide schon viel zu gut.
„Machen Sie Ihren rechten Unterarm frei“, ordnete sie im Befehlston an.
„Warum?“, protestierte Ford. „Wenn ich etwas brauche, melde ich mich bei Ihnen.“
„Sonderbefehl von General Thomsen“, konterte sie und setzte schon die Hochdruckspritze an.
Kate Simons hatte als medizinische Spezialgebiete Psychodiagnostik und Unfallchirurgie gewählt. Zwei Fachgebiete waren seit gut hundert Jahren keine Ausnahme mehr, sondern die Regel. Sie aber toppte das noch, da sie ebenfalls Pharmakologin war. In ihrem „Hexenkessel“, wie man munkelte, waren einige neue Medikamente entstanden, die in der Astromedizin erfolgreich eingesetzt wurden. Als Forscherin genoss sie internationales Ansehen. Sie galt als eine der besten Psychodiagnostikerinnen der gesamten Erde.
„Aufputschmittel“, erklärte sie trocken. „Es hält einige Stunden vor.“
„Aus Ihrer eigenen Hexenküche?“
„Natürlich. Sonst würde ich mir nicht die Mühe machen, es Ihnen selbst zu verabreichen. Es ist noch in der Erprobungsphase.“
„Danke für die Ehre, Doc“, konterte Ford ironisch. „Ehe Sie mir die sicher unendlich lange Liste der möglichen Nebenwirkungen aufzählen – ich verzichte darauf. Sparen Sie sich die Zeit.“
„Bedanken Sie sich bei diesen Wahnsinnigen auf der Erde“, fauchte sie misslaunig zurück. Aus einer Tasche ihrer Kombination förderte sie noch zwei eingesiegelte Kapseln zutage.
„Es ist meine Pflicht, Sie darüber aufzuklären, dass die zweite Kapsel, sollten Sie sie nehmen müssen, Sie in akute Lebensgefahr bringen kann. Auf jeden Fall haben Sie sich zur Entgiftung in der Klinik zu melden, sobald dieser Wahnsinn vorbei ist.“
„Falls ich dann Zeit dazu habe, Doc. Sie kennen die Geheimbefehle von General Thomsen?“
Kate sah ihn sehr nachdenklich an. „Sie wissen, was Sie tun, Häuptling“, sagte sie nur noch und drehte sich abrupt um. „Ja, ich kenne sie – und genau das macht mir Angst“, sagte sie noch über die Schulter, ehe sich die Kanzel wieder hinter ihr schloss. „Dieses Mal könnte es tatsächlich ernst werden.“
Ford wusste sehr genau, was er tat und wunderte sich wieder einmal, dass Kate Simons anscheinend über Informationen verfügte, die noch nicht einmal General Thomsen hatte. Die Frau war für ihn ein Rätsel. Manchmal kam sie ihm mehr wie ein Roboter, als wie ein Mensch aus Fleisch und Blut vor.
Er schob den Gedanken beiseite. Die Hauptsache war, dass Kate Simons auf ihrer Seite stand. Inzwischen nahm Ford sie einfach, wie sie war.
Hätte er in diesem Moment schon gewusst, was er einige Monate später erfahren sollte, er würde an seinem Verstand zweifeln …

*

Es dauerte Stunden um Stunden. Nach dreißig Stunden im Jäger nahm Ford die erste Kapsel.
Sofort spürte er, wie er wieder wach wurde. Seine Wahrnehmungen steigerten sich in einen überdeutlichen Zustand. Jedes Bild sah er mit extrem scharfen Kanten. Durst und Hunger empfand er schon seit der Injektion nicht mehr. Trotzdem trank er ausreichend Elektrolytdrinks und aß von den für diesen Fall empfohlenen Energieriegeln, um seinem Körper das zu geben, was er durch die Droge in erhöhtem Maß benötigte.
Er kannte sich mit diesen teuflischen Drogen aus – besser, als ihm lieb sein konnte. Auch ein indianischer Krieger hatte keine unendlichen Kraftreserven, wenn auch mehr als normale Menschen.
Außer ihm waren die anderen Piloten schon mehrfach abgelöst worden. Dass er immer noch im Jäger saß, verwunderte niemanden. Sein Ruf eilte ihm voraus – zum Glück für diese Situation.
Nach 38 Stunden schien der Kriegsausbruch zum Greifen nahe. Ford sah in der Befehlszentrale in Washington, wie der dortige Kommandeur die Codeanlage vorbereitete.
Ohne Zögern nahm er die zweite Kapsel ein. Er musste unbedingt bei klarem Verstand sein, wenn er und Termikow die asiatische Basis sicherten.
Mit rauer Stimme wandte er sich in einem Rundruf an alle Zentralen und die Piloten in ihren Maschinen. Er sah den Katastrophenfall immer näher rücken.
„Die Situation auf der Erde spitzt sich zu. Bereiten Sie sich darauf vor, dass alles sehr schnell geht. Sie handeln ausschließlich auf mein Kommando, egal was passiert. Hat jeder von Ihnen das verstanden? Ich meine das verdammt ernst. Bitte bestätigen Sie!“
Alle zeigten ihre Routine. Die Meldungen kamen sofort herein. In einigen Stimmen hörte Ford leichte Verwunderung, denn die Abläufe für den Kriegsausbruch lagen fest. Aber wenn der „neue Alte“ das so wollte. Er musste in jedem Fall für das geradestehen, was er anordnete. An eine konkrete Befehlsverweigerung durch ihren Kommandeur dachte wohl niemand.
Ford freute sich über den Ruf, der ihm vorauseilte. Nämlich der, dass er selbst Befehle recht individuell auslegte, aber von seinen Leuten absoluten Gehorsam verlangte. Das sollte ihm im wirklichen Katastrophenfall die Aufgabe erleichtern.
Trotzdem musste er mit Befehlsverweigerungen im eigenen Lager rechnen, sobald seine Leute merkten, dass man mit den Russen zusammenarbeiten sollte. Für sie musste das trotz des freundschaftlichen Verhältnisses untereinander Hochverrat sein – was es de facto auch war – an den Vereinigten Staaten von Amerika und ihrem Präsidenten, den Ford für hundertprozentig narzisstisch und dadurch extrem gefährlich hielt …

*

Nach insgesamt 42 Stunden war die Krise dieses Mal beendet. So nah hatte die Menschheit noch nie vor dem letzten Krieg gestanden.
Gleich nach der offiziellen Aufhebung des Alarmzustandes meldete General Thomsen sich über den Kommandeursfunk bei Ford.
„Es ist vorbei. Endlich. So lange hat es noch nie gedauert. Und ich weiß noch nicht einmal genau, wieso es so plötzlich zu Ende ist. Nach den Geheimdienstnachrichten ist der chinesische Staatschef einem Attentat zum Opfer gefallen, gerade im richtigen Moment – was mich sehr wundert. Als ob jemand sehr genau wusste, was er zu tun hatte. Sein Stellvertreter hat die Macht übernommen und erst einmal Deeskalation betrieben. Wahrscheinlich muss er zuerst seine eigene Macht sichern, ehe er Krieg führen kann. In Peking werden jetzt reichlich Köpfe rollen.“
„Nicht unser Problem, Sir“, meinte Ford müde und schaltete ab. Sein Körper rebellierte. Er schaffte es noch, aus seinem Jäger zu klettern, dann brach er im Hangar bewusstlos zusammen. Als Letztes sah er das besorgte Gesicht seines Adjutanten über sich und hörte desssen Worte: „Verdammt, Sir. Musste das sein?“
Er wusste nur, dass es hatte sein müssen – und auch Myers sollte es wissen. Dessen Besorgnis rührte und nervte ihn gleichzeitig. Medizinische Roboter hoben ihn auf und brachten ihn mit schwersten Herz-Kreislauf-Problemen und Vergiftungssymptomen in die Klinik.

*****

3

Außerirdische

Zur gleichen Zeit im Erdorbit

Vier Flugobjekte, die aus seinem Science-Fiction-Film zu stammen schienen, umkreisten die Erde auf hohen Orbitalbahnen. Sie hatten Deltaform bei einer Länge von ca. drei Kilometern und einer hinteren Breite von gut zwei Kilometern. Keine irdische Zivilisation war dazu in der Lage, solche Raumschiffe zu bauen.
Ein Flugobjekt bewegte sich gerade langsam über den asiatischen Kontinent hinweg. In der großen Kommandozentrale schwebten zahlreiche Hologramme, die verschiedene Stellen der Erde und Datenauswertungen zeigten. 
Flottenadmiralin Danica stand hoch aufgerichtet auf dem großen Kommandopodest der Zentrale. Sie musterte mit verkniffenem Gesicht die Anzeigen. Wie alle in der Zentrale trug sie eine Uniformkombination aus dunkelgrauer Hose und schwarzer Jacke. Auf den Schultern und dem Brustteil fluoreszierten fremdartige Rangabzeichen. Mit ihrer schlanken Figur, der samtbraunen Haut und ihrer Größe von 1,89 m konnte sie auf der Erde als reinrassige Indianerin gelten. Die dichten, blauschwarzen Haare hatte sie zu Zöpfen geflochten und um ihren Kopf herum festgesteckt.
Gerade war auf einem Hologramm zu sehen, wie die Atomköpfe in Peking wieder in ihren Schlünden verschwanden und die Abdeckungen zuglitten.
„Weiter beobachten“, ordnete Admiralin Danica an. Ihre Stimme klang hart und befehlsgewohnt.
Sie setzte sich wieder auf ihren Kommandeurssessel und sortierte mit kleinen Handbewegungen die Hologramme um. Gestochen scharfe Aufnahmen zeigten die Befehlszentralen der Erde und auf dem Mars, genauso wie die Piloten, die in ihren Maschinen auf den Einsatz warteten.
Natürlich hatten sie hier in der Zentrale alle Funkgespräche zwischen den Kommandostellen mitgehört. Genauso kannte Danica die geheimen Pläne der geheimen Gruppe um General Thomsen. Für die Technik der Sternenfestungen nicht mehr als eine kleine Spielerei.
Nachdenklich musterte sie den amerikanischen Kommandeur der Mars-Basis in seinem Raumjäger. Sie sah seine funkelnden schwarzen Augen, die seine unnachgiebige Härte genauso wie hohe Empathie ausstrahlen. Jedenfalls für ihren persönlichen Eindruck.
Danica war nicht nur Flottenadmiralin, ihr wissenschaftliches Spezialgebiet war Fremdrassenpsychologie. Das Thema ihrer Abschlussarbeit auf dem Heimatplaneten Zarmon war das übergroße Aggressionspotenzial der Spezies Mensch, besonders der Männer, gewesen.
Genau deshalb war sie mit ihrem Verband aus zwanzig Sternenfestungen im Solaren System und hatte unmittelbar nach dem Atomalarm mit ihrem Flaggschiff GANULF und drei weiteren Einheiten Stellung im Erdorbit bezogen. Die restlichen sechzehn Einheiten hatte im Asteroidengürtel und im Kuiper-Gürtel stationiert.
Seufzend wandte sie sich an ihre Flaggschiffskommandantin und Vertraute Theta.
„Wir warten ab, bis unser Einsatzkommando zurückkehrt, dann fliegen wir nach Hause. Der Große Rat wird über das weitere Schicksal der Spezies Menschen zu entscheiden haben.“
„Ja, Hohe Dame.“ Mehr sagte sie nicht, die Disziplin auf den Schiffen des Zarmonischen Imperiums war streng.
Wieder blickte Danica auf das Bild der Spionsonde aus dem Raumjäger von Oberst Ford. Der Mann weckte ihr persönliches Interesse, obwohl sie sich von Männern grundsätzlich nicht beeindrucken ließ. Ford war der Erste, dem dies gelungen war. Sogar, ohne dass sie ihn bisher persönlich getroffen hatte.  
Sie wusste bereits seit Stunden, dass der irdische Pilot am Ende seiner Kräfte war. Als er die zweite Kapsel einnahm, hatte sie ihm im Stillen Bewunderung gezollt. Er wusste, dass er sein Leben riskierte – nicht für ein Land, das er verachtete, sondern für die gesamte Menschheit. Ford gehörte zu den wenigen Männern der Erde, die ihren tierischen Instinkte größtenteils überwunden hatten und deshalb für die Pläne der Zarmonen besonders geeignet waren. Das rechnete sie ihm hoch an. Trotzdem war er für ihre Begriffe ein primitiver Barbar.
Die Menschen standen nach dem Einstufungskatalog der Zarmonen auf einer weit ungeordneten Entwicklungsstufe. Normalerweise wären sie für die interstellare Zivilisation der Zarmonen bedeutungslos – wenn es nicht eine ganz besondere Beziehung zwischen Zarmon und der Erde gäbe – und wenn die Menschen durch ihr übergroßes Aggressionspotenzial, das sie immer noch nicht kontrollieren konnten, zu einer Gefahr für andere Sternenvölker werden konnten, sobald sie erkannten, dass überlichtschnelle Raumfahrt möglich war. Außerdem brauchten die Zarmonen die Männer der Erde noch für einen ganz anderen Zweck.
Kurz hatte sie überlegt, ob sie nicht doch aktiv auf der Erde eingreifen sollte. Vielleicht wäre das die bessere Lösung gewesen, um festzustellen, was wirklich in Patrick Ford und den anderen Männern, die sie obervieren sollte, allesamt Raumpiloten der USA und der Russen, steckte.
Damit hätte sie gegen die Befehle des Großen Rates verstoßen. Auch eine Thronfolgerin und Flottenadmiralin konnte nicht machen, was sie wollte. Ihr Auftrag war eindeutig formuliert: Nachsehen, wie viel die Menschen inzwischen von der Anwesenheit der Zarmonen im Solaren System ahnten oder sogar wussten. Leider war es unter dem Befehl ihrer Vorgängerin in diesem kleinen Sonnensystem in einem Randarm der bekannten Galaxis zu einigen gravierenden Fehlern gekommen. Die geplante Expedition Amerikas in den Asteroidengürtel beunruhigte sie genauso wie General Thomsen, nur aus ganz anderen Gründen. Die Zarmonen hatten nicht die Absicht, ihre Anwesenheit den Menschen zu verraten.
Die Zarmonen griffen auf Primitivwelten erst ein, sobald die Bewohner sich durch einen Atomkrieg selbst auszurotten drohten. Daher hatten sie den Ersten Weltkrieg nicht verhindert. Von der Atombombe des Zweiten waren die damaligen Befehlshaberinnen völlig überrascht worden. Man hatte die Menschen der Erde unterschätzt. Die Verantwortlichen hatten dafür ihr Leben verwirkt und waren direkt nach der Urteilsverkündung von einem Roboterkommando hingerichtet worden.
Danicas Befehle lauteten, sich nicht sehen zu lassen und jeden Kriegsausbruch zu verhindern, wie seit über zweihundert Jahren. Ihr Sekundärauftrag bestand in der Beobachtung von Oberst Patrick Ford und anderen irdischen Piloten. Er war nach der Auswertung der Künstlichen Intelligenz in ihrer Heimat durch gewisse Anomalien in seinem Gehirn für die Pläne der Zarmonen besonders geeignet. Man hatte diese Abweichungen zwar durch CTs seines Gehirns bei den medizinischen Checks innerhalb der Star-Force bereits erkannt, aber sie lediglich für Fords extreme mathematische Begabung verantwortlich gemacht. Danica wusste es besser. Nach der entsprechenden Auswertung der Daten auf Zarmon hatten sich gewisse Nervenbahnen im Gehirn des Lakota verändert, nachdem er in seiner Jugend das Trauma der Ermordung seiner Eltern erlitt. Eine nicht unerhebliche Rolle spielten bei dieser Veränderung die psychogenen Gifte, mit denen man damals versucht hatte, ihn ebenfalls umzubringen.
Die zarmonischen Mediziner wussten schon lange, dass solche Traumata entweder in den Wahnsinn führten oder Betroffene zu Genies machen konnten, indem in ihren Gehirnen Fähigkeiten aktiviert wurden, sie sonst nur brach lagen. Da Ford als Indianer zudem Relikte von alten Fähigkeiten mitbrachte, die von den Menschen fälschlicherweise als „primitiv“ angesehen wurden, fiel er in das Suchraster der Zarmonen. Im Moment sah es nicht so aus, als könne er wahnsinnig werden – ganz im Gegenteil.
In die Hologramme kam Bewegung. Die Raketen der anderen Machtblöcke rund um die Welt wurden ebenfalls eingefahren und die Schlünde schlossen sich wieder.
Ein Hologramm schaltete auf den Regierungspalast in Peking um. Der neue chinesische Diktator Win-Tsun erklärte in einer Ansprache an die Weltöffentlichkeit, dass er die Macht übernommen habe, da seinem Vorgänger „ein bedauerlicher Irrtum“ unterlaufen sei. Er entschuldigte sich für das „Missverständnis“ beim Präsidenten der USA und dem russischen Machthaber.
Beide nahmen die Entschuldigung großmütig an. Damit war diese Krise erst einmal wieder beigelegt und die Menschen konnten aufatmen.
Kein Mensch ahnte, dass für die Erde niemals eine akute Gefahr bestanden hatte. Die Technik der Sternenfestungen hätte rechtzeitig jeden Start verhindert. Aber die Zarmonen hätten wahrscheinlich ihre Anwesenheit verraten. So hatte Danica zu einer ganz anderen Lösung gegriffen, die für sie typisch war.
„Es hat geklappt. Zum Glück“, wandte sie sich an ihre Zentralebesatzung, in der es nur zwei Männer gab. Alle anderen Positionen waren von Frauen besetzt. „Ich habe absolut keine Lust mehr, weiterhin auf diese extrem aggressive Spezies aufzupassen. Die Menschen müssen endlich lernen, sich nicht mehr gegenseitig umzubringen.“
Sie wollte noch etwas sagen, wurde aber durch einen Anruf aus dem Hangar unterbrochen.
„Hohe Dame, das Einsatzkommando aus Peking ist gerade wieder an Bord gekommen“, meldete die Leitende Offizierin.
„Danke. Ich erwarte den kommandierenden Offizier zur Berichterstattung in der Zentrale.“
Danica hatte schnell, hart und völlig skrupellos gehandelt. Der chinesische Diktator war auf ihren Befehl hin von einem zarmonischen Einsatzkommando liquidiert worden.
Die Flottenadmiralin hatte einen Menschen ermorden lassen, obwohl sie wusste, dass dessen Tod eine Vielzahl weiterer Morde nach sich ziehen würde. Es war für sie das kleinere Übel gewesen. Die Zarmonen brauchten die Menschen, um selbst zu überleben. Der Tod von Millionen oder sogar Milliarden Menschen würde ihre eigene Existenz bedrohen.
„Nach Hause“, ordnete sie an.
Die Sternenfestungen drehten ab und nahmen unbemerkt von irdischen Ortungsgeräten Kurs auf ein Planetensystem, das die Menschen unter dem Namen Kepler-452b bereits seit fast hundertfünfzig Jahren kannten. Es war gut 1.400 Lichtjahre von der Erde entfernt und das Zentrum des Zarmonischen Imperiums, das von einem Matriarchat unter der Leitung von Danicas Mutter regiert wurde.
Danica fragte sich, ob die übergroße Aggressivität der Menschen ursächlich mit den patriarchalischen Strukturen der Erde zusammenhing …

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